[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 30 (2025), Ausgabe 2]
Prolog. Anja führt ein.
Dieser Artikel entzieht sich der Logik, dass nur zählt, was neu (entdeckt worden) ist. Wenn man einander begegnet, sich anerkennt und etwas miteinander ausprobiert (vgl. Hermann, Partenfelder, Raabe, Riedel & Ruszetzki, 2004), so wirkt das nach. Manchmal über eine lange Zeit. Und dann lohnt es sich, noch einmal hinzuschauen. So unternehmen wir im Folgenden den Versuch, unsere gemeinsamen Lern- und Erfahrungswege retrospektiv einzuordnen und mit Manfred Zaumseils Wirken in Verbindung zu bringen. Denn Manfred hat als Hochschullehrer (gemeinsam mit seinen Kolleg*innen im Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Gemeindepsychologie) unsere Lebenswege nachhaltig geprägt, uns inspiriert, Türen geöffnet und war ohne geäußerte Erwartungen interessiert daran, was wir aus seinen Anregungen oder Angeboten machen. Er traute Menschen etwas zu, war uns ein aufmerksames Gegenüber und nahbar.
Wir würdigen Manfred Zaumseil, der uns vermittelt hat, dass mehr und anderes möglich ist, als wir denken und wir uns (zu)trauen.
Rolf und ich tauschen uns, zeitweise bereichert von Gaby, zwei Jahre nach Manfreds Tod und 30 Jahre, nachdem wir uns kennengelernt haben1, aus. Wir lassen aufgenommene Gespräche in diesen Text einfließen. Ausgewählt haben wir das, was wir weitergeben möchten, denn: Jede Generation von psychosozial Tätigen wird wieder neu selbst entdecken und reflektieren, wie sie sich zu Menschen mit Psychoseerfahrung oder in Krisen ins Verhältnis setzt und wie sie Normalität und Abweichung konstruiert. Dafür braucht es Texte, zu denen man sich wiederum ins Verhältnis setzen kann.
Gaby und Rolf sind im Laufe der Jahre enge Freunde geworden, die füreinander, wann immer es ihnen möglich war, da waren und es bis heute sind. Sie sind vor wenigen Jahren beide aus Berlin nach Mitteldeutschland weggezogen und wohnen in der Nähe voneinander. Hier (wo wir auch die Gespräche geführt haben) ist ihre Freundschaft auf neue Weise existenziell.
Erster Teil. Rolf schreibt seine Überlegungen auf.
Wenn ich über mein Leben nachdenke, dann unterteile ich es in zwei Abschnitte. Die Zeit vor dem PSB, dem Projekt Psychosoziale Beratung, und die Zeit danach. Die Zeit davor war durch eine Reihe an Mängeln und vor allem durch Einsamkeit gekennzeichnet. Soziale Defizite reichten von meiner Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Ich hatte zwei sehr lange und unzählige kurze Klinikaufenthalte. Vieles fand ich rückblickend falsch oder mangelhaft. Ich habe schreckliche Sachen in der Psychiatrie erlebt. Im psychosozialen Bereich war ich mit einer Einstellung konfrontiert, die man in gewisser Weise als diskriminierend bezeichnen kann. Prof. Dr. Manfred Zaumseil und einige Besucher und Besucherinnen einer Weddinger Kontaktstelle haben das erste Berliner Psychose-Seminar an der Freien Universität gegründet. Das Erste, was mir sehr deutlich auffiel, war der Unterschied im Vergleich dazu, wie mir Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bis dahin in der Psychiatrie und psychosozialen Versorgung begegnet waren. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, was Unsereins besser voranbringt. Erst einmal musste ich mich aber selbst ein Stück entwickeln, was ohne das Psychose-Seminar und das PSB-Projekt nicht möglich gewesen wäre. Im Laufe der Zeit habe ich bestimmte Kriterien entwickelt, an denen man sich orientieren kann. Psychosoziale Einrichtungen sind vor allem angebotsorientiert. Im Psychose-Seminar habe ich eine andere Orientierung kennengelernt. Manfred Zaumseil hat mir nicht irgendwelche Vorschläge gemacht, sondern mir Türen geöffnet, zumindest mir Hinweise gegeben. Durch die Türen musste ich dann schon selbst gehen, wobei ich durch ein mittlerweile starkes soziales Netz unterstützt worden bin.
Zweiter Teil. Das Frühstücksgespräch von Anja und Rolf.
Anja: Was mich beschäftigt, ist: Du hast ja letztes Mal gesagt, „Manfred hat mir Türen aufgemacht, aber durchgehen muss man allein.“
Rolf: Das habe ich gesagt? Find ich einen schlauen Spruch.
Anja: Ausgehend von Deinem schlauen Satz habe ich gedacht, es geht um Haltung. Bei Manfred habe ich eine bestimmte Haltung kennengelernt, und du ja auch.
Rolf: Ja, aber warum du dich mit Haltung beschäftigst, habe ich lange nicht verstanden, bis vor kurzem eigentlich. Heute können wir darüber sprechen.
Anja: Seitdem ich an der Freien Universität in den 1990er Jahren Psychologie studiert habe, versuche ich über Haltung zu schreiben und es gelingt mir nicht. Aber ich weiß gleichzeitig, dass wir uns kennen und dass wir so miteinander umgehen, hat etwas mit Haltung zu tun. Und es hat etwas mit einer Haltung zu tun, die wir von Menschen wie Manfred gelernt haben.
Rolf: Ja, ja. Das ist genau das Thema, was mich heute am meisten beschäftigt. Also, wie können Menschen zusammenleben? Was ist das Wichtige?
Und mich hat Manfred einmal total beeindruckt. Da hat er erzählt, dass er zu jemandem ganz schwer Zugang hatte. Aber er hat sich immer wieder bemüht und das hat der andere halt auch irgendwo registriert. Und das ist, denke ich, was Manfred ausgezeichnet hat. Und was mir heute oder gestern in den Kopf gekommen ist: Manfred hatte immer eine ruhige Art.
Und ich denke, er war auch daran beteiligt, dass ich die Moderation in Wilmersdorf übernommen habe, er hat mir den Zugang ermöglicht. Ich habe Moderation von ihm gelernt.
Anja: Du hast in Berlin-Wilmersdorf als Psychoseerfahrener ein Psychose-Seminar moderiert.
Rolf: Im Wilmersdorfer Psychose-Seminar fragte mich eine Angehörige, was ich da eigentlich mache als Moderator. Ich bekam den Eindruck, sie hielt mich für nicht qualifiziert. Das fand ich gemein. Manfred dagegen traute mir das zu.
Anja: Und ihr habt – das ging ja auch von Manfred aus – Pflegekräfte in der Psychiatrie geschult, oder standet Fachkräften für Gespräche zur Verfügung.
Rolf: Also, ich weiß nicht genau, wie das zustande gekommen ist, aber es ging um den „Badetag“, so hieß die Veranstaltung.
Anja: Ihr seid in die Räume einer Psychiatrie gegangen. Aber nicht als Insassen.
Rolf: Ich war elf Monate in der Karl Bonhoeffer Nervenklinik gewesen, und ich fand das so interessant, dass eine Besucherin des „Badetages“ meinte, mich wieder zu erkennen. Sie hat mich dann auch angesprochen, woher sie mich kenne und so. Sie kannte mich aus der Landesnervenklinik Spandau. Dort war sie Ergotherapeutin und ich depressiv gewesen. Daher kannte sie mich. Und das war dann das Verrückte, dass ich damals Patient war, und nun begegnen wir uns auf einer Fortbildung.
Anja: Und du hast diese Fortbildung angeboten.
Rolf: Ja, mit den anderen.
Anja: Diese Rollenumkehr ist das Besondere, nicht? //Rolf: Ja.// Du warst dort als jemand, der als Patient etwas erfahren hat und das danach im Psychose-Seminar reflektiert hat. Das konntest du weitergeben und die Profis konnten daraus lernen.
Rolf: Und diese Ergotherapeutin, die war mit einem evangelischen Pfarrer verheiratet. Und ich erinnere mich an eine Situation, wo ich in der Klinik in die Beschäftigungstherapie gehen sollte. Ich war stockdepressiv und bin dann wieder umgekehrt. Und sie hat sich große Mühe gegeben, mich zu überreden, dass ich doch hingehe. Und das habe ich bis heute nicht vergessen, also dieses Engagement.
Anja: Es war keine Grenzüberschreitung, sondern da hat sich jemand wirklich für dich engagiert? //Rolf: Ja, ja.// Sie wollte auch eine Tür öffnen.
Rolf: Ja, ja. Sie wollte mir beistehen, ja.
Anja: Während du isst, rede ich ein bisschen. Ich sehe, wie deine Augen leuchten. Es ist so anregend, dass du gar nicht dazu kommst, Dein Frühstück weiter einzunehmen. Das mit der Haltung: Ich kann ja noch mal sagen, was mich daran so beschäftigt. Manfred war ein unglaublich guter Zuhörer, aber das allein reicht ja nicht, sondern seine Art von Zuhören, Fragen zu stellen und Inputs zu geben, haben etwas damit zu tun, wie er sich in die Welt gestellt hat. //Rolf: Ja.// Und dann konnte man sich dazu verhalten. //Rolf: Ja.// Und er hatte nichts Missionarisches. Würdest du mir da zustimmen? //Rolf: Ja.// Also, er wollte niemanden überzeugen, dass er die Dinge richtig sieht. Aber er hatte ein großes Selbstbewusstsein, die Dinge zu äußern, die er verstanden hat oder wohin er gekommen ist. //Rolf: Ja.// Und ich habe diese Haltung von ihm an verschiedenen Stellen gelernt. Vor allem aber im Psychose-Seminar. //Rolf: Ja.// Später habe ich mich gefragt, warum bin ich unglücklich darüber, dass so viele Psychose-Seminare, die später gegründet wurden, nicht so gut funktionieren? Und dann habe ich gedacht, man müsste beschreiben können, wie Manfred moderiert hat, damit man ein Psychose-Seminar so hinkriegt, wie das, von dem wir alle profitiert haben. Also, auf jeden Fall hat Manfred einen Raum geschaffen. Das war ein universitärer Raum. Das heißt, die Machtgeschichte war geklärt. Niemand wurde dort behandelt.
Rolf: Ja, das ist einer der Gründe, warum es auch in Wilmersdorf gescheitert ist. Dort hat ein Träger das Seminar angeboten. Bei Manfred gab es keine linken Dinger, da wurde niemandem etwas untergejubelt.
Anja: Genau. Also, niemand wurde behandelt, sondern es war von vornherein ein Lernraum. //Rolf: Ja.// Und Manfred hat mit großer Selbstverständlichkeit in diesen Lernraum eingeladen und hat es als ein Seminar für alle verstanden. //Rolf: Ja.// Er hat diesen Seminarraum geschützt. Und es kamen ja auch Leute, die sehr aufgeregt waren oder durchaus auch psychotisch oder präpsychotisch. An sehr emotionale Angehörige kann ich mich auch erinnern. Manfred als Moderator und Hochschullehrer hat diese Menschen nicht behandelt. Aber er hat den Lernraum geschützt und hat dann zum Beispiel gesagt: „Jetzt wäre es ganz gut, wenn wir hier weitermachen können.“ Oder: „Ist es vielleicht besser, wenn du oder Sie heute gehen, aber du bist jederzeit wieder eingeladen.“ Kannst du dich daran erinnern?
Rolf: Nein, gar nicht.
Anja: Wie würdest du den Lernraum beschreiben? Also, dass wirklich alle verstanden haben, sie sind an der Uni und nicht in irgendeiner Behandlung. Woran hast denn du das gemerkt?
Rolf: Naja, weil auch die Studenten dabei waren. Und mir ist natürlich immer noch die eine Frage von der Studentin im Kopf. Es ging darum, dass der Sozialpsychiatrische Dienst keinen Kontakt zu einem Klienten hatte. Wir sprachen darüber, wie schafft man Kontakt. Und diese Studentin meinte, „Naja, dann muss man ihm irgendwas hinstellen vor die Tür.“ Das fanden wir alle lustig.
Anja: War sehr praktisch gedacht, nicht?
Rolf: Ja. Genau. Es war halt auch so, dass auch naive Fragen vorgekommen sind. Das fand ich das Gute. Und einmal habe ich mich auch fürchterlich aufgeregt über eine Studentin. Sie hat die Frage verstärkt, was wir wollen. Wir Psychoseerfahrenen. Und das hat mich so auf die Palme gebracht. Weil, um zu wissen, was wir wollen, müssen wir erstmal in der Lage sein, etwas zu wollen, müssen wir eigenständige Erfahrungen machen. Ein gewisses Maß an Empowerment ist Voraussetzung. Vorher kann man nicht sagen, was man will.
Anja: Manfred hat solche Fragen im Raum stehen lassen, er hat auch so eine Empörung im Raum stehen lassen können. Also, er konnte das so moderieren, dass diese verschiedenen Fragen und Positionen nebeneinanderstehen. Und er konnte dann Reflexionsimpulse geben.
Rolf: Ob er es mitgekriegt hat, dass diese Frage nicht gut bei mir und anderen angekommen ist?
Anja: Das weiß ich nicht mehr. Und wir können ihn leider ja nicht mehr fragen.
Rolf: Ja, schade.
Anja: Etwas, was ich mit Manfred und dem Psychose-Seminar verbinde, ist, dass er mit größter Selbstverständlichkeit mit uns allen gemeinsam ins Restaurant Zenit gegangen ist. Wir haben hinterher noch zusammengesessen. Und das ist ja auch wieder was: Das mussten sich alle leisten können. Aber es war damals noch nicht so teuer. //Rolf: Ja.// Wir waren einerseits zusammen in einer Lehrveranstaltung und andererseits hatten wir auch einen Raum hinterher, einfach zum Quatschen.
Rolf: Und da sind wir beide auch einmal ins Gespräch gekommen. Unser gemeinsames Schreiben ist dort begründet worden: Du hast mir gesagt, wenn du mal etwas über das Psychose-Seminar schreibst, würdest du mich als Mitautor gewinnen wollen.
Ja, und dann gibt es noch eine unglaubliche Geschichte. Ich weiß gar nicht, ob du die überhaupt kennst?
Anja: Da bin ich jetzt gespannt.
Rolf: Ja, da kannst du ruhig gespannt sein. Die erzähle ich aber besser, wenn Gaby dabei ist.
Anja: Also kommen wir auf Manfred zurück: Manfred hat Psychose nicht negiert. Er kannte sich selbstverständlich auch gut mit Psychopathologie aus. Aber er hat keinen Unterschied zwischen Menschen gemacht: Der eine spricht lauter, der andere leiser, der eine hat das Temperament, der andere jenes. Manche Leute sind eben gerade psychotisch oder präpsychotisch. Er hat Interesse entgegengebracht, kontextspezifisch. Im Psychose-Seminar zum Beispiel hat er gesagt: „Ich bin jetzt hier Moderator. Für mich ist jetzt wichtig, dass diese zwei Stunden hier gut laufen. Würden Sie bitte rausgehen? Wenn es Ihnen besser geht, können Sie gerne wiederkommen.“
Rolf: Ja, jetzt kann ich mich daran erinnern.
Anja: Oder er konnte auch sagen: „Jetzt wäre es wieder wichtig, dass auch mal jemand anderes zu Wort kommt“. Also, Manfred hätte es geschafft, z.B. dich daran zu erinnern, dass wir jetzt noch die Angehörigenperspektive brauchen oder eine studentische Frage oder so. //Rolf: Ja.// Er hat nichts negiert, was auf der Welt auch an Problemen, oder eben an psychischen Phänomenen da ist, aber er hat es nicht, er hat es nicht – wie kann man das beschreiben, was das für eine Haltung ist? Er hat es nicht besser gewusst, oder? Er hat euch nicht behandelt. //Rolf: Ja.// Also, er hatte überhaupt nichts Paternalistisches, oder?
Rolf: Wie kann man das übersetzen?
Anja: Paternalistisch wäre ja sowas väterlich-männliches, wie so Chefärzte oder Professoren, die sich hinstellen und demonstrieren, dass sie für andere wissen, wo es lang geht. Also, er hat sich nicht drübergestellt, oder? Und er hat mir trotzdem Respekt abgenötigt.
Rolf: Ja. Zweifelsohne.
Anja: Ich möchte noch ganz andere Seite von Manfred ansprechen, die eine sehr praktische ist: Ich erinnere mich daran, dass du oft in die Uferstraße, in diese Außenstelle der Freien Universität, gekommen bist, uns Mitarbeiterinnen besucht hast – unabhängig vom Psychose-Seminar, das dort alle zwei Wochen stattfand. Ein Thema war Dein Interesse an Computern.
Rolf: Also, es war so, dass ich das erste Mal so einen Macintosh, wie Manfred einen hatte, in der Krisenambulanz Wedding gesehen habe. Adriana, eine Mitarbeiterin, hat mir den zum ersten Mal gezeigt … bevor man den ausschaltet, muss man den runterfahren und sowas. Und so einen habe ich von Manfred gekriegt. Es muss Manfreds alter gewesen sein. Und das hat mich sehr weit vorangebracht. Mit dem Computer, mit dem Schreiben und so weiter. Weil, ich habe ja nie richtig zu schreiben gelernt in der Schule. Das Gute ist ja, dass es im Computer beim Schreiben so eine Rechtschreibhilfe gibt. Und dadurch konnte ich dann halt auch viel schreiben.
Anja: Es war ganz selbstverständlich, dass du auch mal fragen konntest, wenn du ein Problem mit dem Computer hattest. //Rolf: Ja.// Bis dann alles funktionierte. //Rolf: Ja.// Und es ist eine richtige kleine Leidenschaft von dir geworden im Laufe der Jahre. //Rolf: Ja.// Und du hast Deine Technik-Neugier weitergelebt. War auch eine Tür, die er geöffnet hat. //Rolf: Ja.// Und Deine finanziellen Mittel waren sicher nicht so, dass du dir damals hättest einen Mac kaufen können. //Rolf: Nein.// Das wäre ja vollkommen aussichtslos gewesen. Und das hat Manfred natürlich schon im Blick gehabt, dass es unterschiedliche Voraussetzungen im Leben gibt. //Rolf: Ja.// Solange du als Dreher arbeitetest, hattest du natürlich auch die finanziellen Mittel, Dein Leben so zu leben, wie du es wolltest, aber danach mit der Rente aufgrund der Erwerbsunfähigkeit waren Deine finanziellen Möglichkeiten stark eingeschränkt. //Rolf: Ja.
Dritter Teil. Das Vormittagsgespräch von Rolf und Anja.
Anja: Also, es gibt ja noch was, was uns beide verbindet, Rolf. Und was auch mit Manfred zu tun hat. Ich habe viel von dir gelernt und von dir profitiert. Durch die Zusammenarbeit mit dir habe ich mein Diplom erreicht. Wenn ich einen Artikel geschrieben habe mit euch, zählte der auf irgendwelchen Veröffentlichungslisten. Da stehst auch du immer mit drauf. //Rolf: Ja.// Aber es hat dir in deinem Leben nicht dieselben Chancen eingebracht wie mir. Darüber haben wir viel nachgedacht.
Rolf: Ja, wir haben darüber gesprochen.
Anja: Auch mit Manfred. Es kam dann eine Zeit, da hast du gesagt, ich werde jetzt Psychosozialfacharbeiter. //Rolf: Ja.// Und wenn ich zu dir, Manfred, in die Lehrveranstaltung komme, dann möchte ich eben auch ein Zertifikat. //Rolf: Ja.// Also, natürlich hast du dadurch keinen Abschluss in Psychologie erlangen können. Aber du hast etwas sehr ernst genommen. Du hast gesagt: Ich lerne hier etwas. Und wenn ich anderen etwas beibringe, was auch auf meinen Erfahrungen basiert, dann kann ich das auch verbinden mit dem, was ich bei Manfred zum Beispiel im Seminar oder im Austausch mit den Studierenden reflektiert habe.
Rolf: Ja. Die große Qualität im Leben ist, etwas zu lernen – jeden Tag, bis heute. Ich leide darunter, dass ich kein Abitur habe. Ich war bei Manfred in zwei Seminaren. In einem ging es um Schizophrenie und das andere war ein kulturpsychologisches Seminar. Da hat Manfred viel über seine Forschungen in Indonesien berichtet. Ich habe erfahren, wie man in Indonesien mit Psychosen umgeht. Ich habe in Erinnerung, dass psychisch auffällige Menschen sehr genau beobachtet werden. Und entweder werden sie versorgt, oder sie werden brutal behandelt, je nachdem zu welcher Einschätzung eine Gemeinschaft kommt.
Anja: Damals hast du darauf hingewiesen, dass es ein Problem ist, dass du, wenn du nicht noch andere Wege gehst, immer der Psychoseerfahrene bleibst. Also, du hast auf die darin enthaltene Stigmatisierung hingewiesen. Und das hat Manfred aufgenommen und sich damit auseinandergesetzt. Heute denke ich, dass ihr, und da gehörst du eben auch dazu, dass ihr dadurch auch Vorreiter für Ex-In gewesen seid. //Rolf: Ja.// Ex-In gab es damals noch nicht, also, dass psychoseerfahrene Menschen weitergebildet werden, um dann professionell z.B. in Kliniken und wo auch immer als Genesungsbegleiter*innen zu arbeiten. Und Dein Hinweis darauf und Manfreds Reflexion, solche Dinge ernst zu nehmen und das weiterzutragen, das hat eben doch den Weg für Entwicklung bereitet. Und jetzt gibt es so etwas wie Ex-In. Und man muss immer wieder weiter überlegen, wo stehen wir jetzt? Und es muss immer wieder Menschen wie dich geben, die auf die Widersprüche hinweisen. //Rolf: Ja.// Und es braucht immer wieder Menschen wie Manfred in relevanten Positionen, die das ernst und aufnehmen und auch in die Diskussionen in den Fachgesellschaften tragen.
Und nun noch ein anderer Kreis, der noch nicht geschlossen ist: Du hast ja das Umwegkonzept konzipiert und auch ausformuliert. Und das ist noch nicht veröffentlicht worden. Das ist hier der Artikel, in dem das endlich möglich wird. Auch wenn es ein Stück Geschichte ist und auch inzwischen weit zurückliegt, ich finde, das Konzept hat an dieser Stelle Würdigung verdient, weil es eine dieser Konsequenzen ist, dass Menschen wie du, ich und Manfred sich getroffen haben im Umfeld des PSB-Projekts, dass du dir über lange Zeit Gedanken gemacht hast. Magst du es nun ausführen?
Rolf: Ja. Der Kern des Umwegkonzepts ist, dass man des Öfteren sieht, dass Therapeuten schlecht Zugang zu Menschen kriegen, die Ängste haben oder andere psychische Probleme haben, die Unterstützung brauchen, aber denen es schwerfällt, sich helfen zu lassen. Und mein Umwegkonzept beruht einfach auf der Idee, dass man nicht irgendwas Stupides trainiert. Also zum Beispiel nicht versucht, Ängste zu überwinden, Bahn zu fahren, irgendwo hinzufahren und das immer wieder versucht. Das funktioniert halt nicht. Sondern ich denke, man sollte einen völlig anderen Weg wählen – einen Umweg. Und meine Erfahrung, die ich direkt gemacht habe, ist, dass bei mir auf anderen Wegen Veränderungen stattgefunden haben. Also letztendlich habe ich selbst das Umwegkonzept gelebt. Ich hatte riesige Ängste vor Fremden seit meiner Kindheit. Und dann hat es sich halt so ergeben, dass wir alle zusammen zum Psychose-Seminartreffen nach Bonn fahren wollten. Und dann hat jemand bei mir angerufen und wollte mitkommen. Und ich musste das irgendwie organisieren, dass wir uns am Bahnhof Zoo treffen. Ich musste die Bahntickets besorgen – und das war schon alles mit großen Ängsten für mich verbunden. Da mir die Sache aber so am Herzen lag, habe ich mich meinen Ängsten gestellt. Und das ist sozusagen das Prinzip des Umwegkonzeptes. Die Sache lag mir am Herzen. Und dann habe ich mir halt überlegt, wie mache ich das? Ich habe mir ein kleines Schild gefertigt, das ich mir ans T-Shirt angeheftet habe, und so ging das halt dann. Ja, und so habe ich auch neue Sachen gelernt.
Also, was ich mein Leben lang nicht gut konnte, war meine politische Haltung oder Standpunkte zu begründen (ich hatte zwar immer schon politisch eine linke Haltung, sagen wir mal so, war ich eher gewerkschaftsorientiert). Und das habe ich halt in der Uferstraße gelernt, bestimmte Meinungen oder Perspektiven, die ich habe, auch zu begründen. Also, richtig denken gelernt habe ich erst durch die Uferstraße. Und bis heute setzt sich das fort, dass ich immer wieder an Themen arbeite und versuche, da weiterzukommen. Und alles fußt irgendwo auf den Erfahrungen, die ich in der Psychiatrie gemacht habe, beziehungsweise darauf, was ich dann im PSB-Projekt gelernt und reflektiert habe. Alles baut aufeinander auf. Und: Es muss mit den Menschen sein, um die es geht, damit sie den Prozess verstehen.
Anja: Und das Interessante für mich, weil ich denke ja über professionelle Haltung nach, ist, dass man dieses Umwegkonzept genauso andersherum ausformulieren könnte: Auch Profis müssen in ihrer Ausbildung Umwege gehen. Ich erzähle das an einem Beispiel: Ich habe viel gelernt, indem du mir beigebracht hast, wie man einen Bilderrahmen baut. Ich sollte in der KBS als Praktikantin eine Gruppe leiten, die Werkgruppe. Ich hatte aber gar keine Ahnung davon. Du warst dort Besucher, du hattest Ahnung. Ermuntert durch das, was ich in der Gemeindepsychologie und im PSB-Projekt gelernt habe und was du als Dreher wusstest, konnten wir das Verhältnis umdrehen: Du hast die Werkgruppe geleitet und ich habe eine praktische, eine handwerkliche Erfahrung gemacht. Wir haben später darüber nachgedacht, wir konnten auch darüber lachen. Ich freute mich über den schönen Rahmen, den ich hergestellt hatte, und du darüber, dass du Dein Wissen einbringen konntest. Das hat mein ganzes Berufsleben geprägt. Also, dass man immer herausfinden kann und muss, wer kann was? Und dann kann man voneinander lernen. Und das war ja auch ein Ausgangspunkt für das Umwegkonzept. //Rolf: Ja.// Dass du gesagt hast, wenn ich stupide eine Tätigkeit ausüben soll, dann bleibe ich in der Rolle, betreut zu werden und mich nicht weiterentwickeln zu sollen und zu können. //Rolf: Ja.// Wenn ich aber eine Aufgabe habe, die ausgeht von meinen Fähigkeiten, von meinen Interessen, dann will ich ja auch etwas. Und dann tüftele ich herum und probiere ich was aus – und dann kommen alle Seiten weiter.
Rolf: Für mich zeichnet ein gutes Verhältnis zwischen einem Klienten wie mir und Profis aus, dass beide etwas davon haben. Dass beide halt auch was lernen.
Anja: Ich habe sehr viel von Menschen gelernt, die zunächst in der Rolle der Ratsuchenden waren. Das schließt nicht aus, dass wir etwas teil(t)en. So leben und arbeiten zu können, das ist für mich schon ein großes Geschenk. Was Hartmut Rosa (2019) mit seiner Resonanztheorie theoretisch gefasst hat, haben wir, glaube ich, miteinander ausprobiert und erfahren. //Rolf: Ja.// Also, wir beide haben eine Beziehung, in der wir immer wussten, dass wir uns wechselseitig etwas geben können. //Rolf: Ja, ja.//
Rolf: Ja, wobei du halt, also ich habe dir das ja mal an einem anderen Beispiel erzählt mit dem Umwegkonzept, und die Art und Weise, wie du mir zugehört hast, das hat mich damals sehr beeindruckt und beeindruckt mich immer noch.
Anja: Also, es geht schon um eine Aufrichtigkeit, nicht wahr? //Rolf: Ja.// Es geht darum, dass man wirklich was voneinander lernen möchte. //Rolf: Ja.// Ich wollte wirklich viel von dir erfahren. Und Manfred auch. Manfred wollte von uns allen wirklich etwas wissen. Oder? //Rolf: Ja.// Ich finde es gut, dass in diesem Artikel Dein Umwegkonzept auftaucht. Weil, das ist so ein bisschen wie: Du lebst hier und kannst die Welt nicht ändern, was die politische Gesinnung Deiner Mitbürger betrifft. Aber du lebst unter ihnen und verkörperst etwas anderes. //Rolf: Ja.// Vielleicht lesen ein paar Leute das Umwegkonzept und können es in die Welt tragen. Ich merke das an meiner Tochter, der du zu ihrer Geburt ein Plüschtier aus Deiner Heimat geschenkt hast. Das hat bis heute eine große Bedeutung für sie. Bald wird Sie eine ausgebildete Psychologin sein. Und sie sehnt sich nach so etwas, was wir hier besprechen, weil sie es in ihrem Studium vermisst. //Rolf: Ja.// Und auch sie kann wieder etwas in die Welt tragen. //Rolf: Ja.// Und dafür ist es wichtig, dass Dein Umwegkonzept niedergeschrieben und veröffentlicht wird.
Rolf: Ich kann mich erinnern, dass ich einmal in der Uferstraße war, als du Zweifel hattest, ob du an Deiner Doktorarbeit weiterschreiben sollst. Du warst in einer Krise und ich habe dich bestärkt weiterzumachen. Später hast du mir das Buch geschenkt – es war wirklich schwer zu lesen. Ich bin nicht weit gekommen.
Vierter Teil. Das Nachmittagsgespräch von Rolf, Gaby und Anja.
Anja: Wir haben uns heute Vormittag über Manfred unterhalten und darüber, was ihn ausgezeichnet hat. Rolf möchte noch eine unglaubliche Geschichte erzählen, wenn du dabei bist, also jetzt.
Rolf: Also, es war so: Manfred fühlte sich nicht so, also war mehr oder weniger krank. Ich weiß nicht, seit wann und wie lange schon. Jedenfalls hat er mich angerufen, oder mich und Gaby. Ich kann das nicht mehr genau sagen.
Gaby: Ja. Manfred hat uns gebeten, weil er krank war und …
Rolf: Er wollte es nicht ausfallen lassen. //Gaby: Ja, genau.// Und hat uns gebeten, sein Seminar zu leiten, also einzuspringen.
Anja: Das Psychose-Seminar oder eins an der Uni?
Rolf: An der Uni, in der Silberlaube. Und ja, wir haben das dann gemacht. Das war für Gaby allerdings überhaupt nicht schön. Weil du weißt, Anja, wenn ich da in meinem Element mal drin bin, bin ich auch nicht mehr zu stoppen.
Anja: Und Gaby hat danebengestanden und konnte gar nichts sagen, weil du einfach nicht mehr zu stoppen warst.
Rolf: Ja, genau so war das.
Anja: Also, Deine didaktischen Fähigkeiten waren ausbaufähig und Dein Sendungsbewusstsein war groß.
Rolf: Das war groß. Sie saß neben mir und hatte nicht die kleinste Möglichkeit, irgendwo dazwischen zu gehen. Sie hat mir hinterher vermittelt, dass sie das überhaupt nicht toll fand.
Anja: Das spricht für Eure Beziehung.
Gaby: Später habe ich mich dann schon noch eingebracht.
Anja: Und für Manfred spricht, dass er nicht wissenschaftliche Mitarbeiter*innen oder irgendwen gefragt hat, oder das Seminar hat ausfallen lassen, sondern dass er euch gefragt hat, könnt ihr das machen? Zwei Psychoseerfahrene. //Rolf: Ja.// Auch das verbinde ich mit ihm. Was das für ein ungeheurer Vertrauensvorschuss war, den man da bekam: Mach mal, du kannst das schon.
Rolf: Ja. Und er hat halt auch gesagt, er wollte nicht, dass seine Studenten einen Ausfall haben. Also, seine Haltung zeigt sich in zweierlei Hinsicht: Einmal in dem, was er uns gegenüber da rüberbringt, und zum anderen, dass ihm seine Studenten so am Herzen lagen.
Gaby: Ja, unglaublich.
Anja: Und waren die Studierenden interessiert?
Gaby: Ach, du weißt ja, es war toll. Und eigentlich ist es immer so toll, wenn wir was vom Stapel lassen, oder auch nur Rolf. Weil sie super interessiert sind an den persönlichen Berichten. Weil es wahrscheinlich dann nochmal eben anders ist. Und der Funke sprang sofort über. Es war dann wie so eine Einheit. Ich krieg jetzt eine Gänsehaut. Also, es war wirklich toll, ja.
Anja: Wir haben versucht zu fassen, was Manfred ausgemacht hat. Also diese Haltung, die er hatte. Der musste gar nicht anwesend sein, nicht?
Gaby: Das stimmt.
Anja: Er wirkte manchmal wie so ein Schirmherr. Und du hast eine Gänsehaut davon bekommen, als du dich erinnert hast, wie das mit den Studierenden war. Und Manfred hat das initiiert. Der musste dann gar nicht mehr da sein.
Gaby: Ja, das stimmt, ja.
Anja: Er hat es nicht kontrolliert.
Gaby: Nein, gar nicht. Unglaublich. Ja, so war Manfred. Ich habe nach seinem Tod etwas geschrieben. Ich habe online in der Traueranzeige eine Kerze angezündet und etwas an Manfred geschrieben, wo ich versucht habe, ihn zu beschreiben. Ich suche das raus, es müsste ja noch da sein. „Lieber Manfred, viele wichtige und schöne Momente habe ich mit dir im Seminar erleben dürfen. Du warst ein ganz besonderer Mensch und es macht mich sehr traurig, dass du von dieser Welt gegangen bist. Deine offene Art mit Menschen umzugehen, Deine Geduld und Freundlichkeit, Dein Mut, neue Wege zu beschreiten, haben dich ausgezeichnet.“ – Jetzt kriege ich schon wieder eine Gänsehaut. Ich habe da versucht zu fassen, was es genau war. Was ihn ausgemacht hat. Was er uns gegeben hat. Also, im Psychose-Seminar und dass er das gelebt hat. Dieses Gleichberechtigt-sein. Das hat er total gelebt.
Anja: Das war seine Grundüberzeugung.
Gaby: Ja, und dadurch hat er den Menschen eben auch Mut gemacht. Dadurch hat man dann mehr Zutrauen zu sich selbst bekommen. Dadurch, dass er das Zutrauen hatte.
Rolf: Ja. Ich bin auch viel selbstbewusster geworden.
Anja: Und man konnte mit vielem zu ihm gehen. Ein Beispiel, das mich geprägt hat: Ich war später als wissenschaftliche Mitarbeiterin Supervisorin im PSB-Projekt. Und in meiner Supervisionsgruppe war ein Studierender, der drogenabhängig gewesen war, dann davon wegkam und Psychologie studiert hat. Er wollte sein Psychologie-Praktikum in einem Antipsychiatrieprojekt absolvieren. Dort war die Voraussetzung, dass er keine Psychopharmaka nimmt, die er noch einnahm in einer geringen Dosis. Und dann hat er seine Medikamente abgesetzt und ist während des Praktikums wieder auf Drogen gekommen, quasi als Ersatzmedikation.
Gaby: Scheiße.
Anja: Und er war in meiner Supervisionsgruppe. Und mir als junge Mitarbeiterin fiel es sehr schwer, mit den anderen Studierenden umzugehen, die sagten, wir können das nicht mehr halten. Und dann habe ich Manfred um Supervision gebeten. Er hat mir zugehört und dann erzählt, wie er als junger Arzt im Gefängnis gearbeitet hat in Hamburg. Und dass da viele der Inhaftierten Junkies waren. Und dass sie ihn ja auch verarscht haben. Sie hätten sich z.B. während einer Sitzung im WC was gespritzt und seien dann high zurückgekommen ins therapeutische Gespräch. Und was erzählt mir Manfred dann? „Ich habe das auch einmal ausprobiert, weil ich wissen wollte, wie das ist.“
Gaby: Nein!
Anja: Er hat nicht geurteilt.
Gaby: Ja, Wahnsinn. Sondern er wollte wissen.
Anja: Ja, er sagte, er wollte wissen. Unglaublich, ein freier Mensch, nicht? Also, er hat es nicht in Kategorien gepackt. Da kriege ich eine Gänsehaut, weil: Ich wusste dann immer noch nicht genau, wie ich in der Supervisionsgruppe weitermachen sollte. Und ich hatte viel zu viel Angst, Drogen auszuprobieren, um zu wissen.
Gaby: Ja, allerdings.
Anja: Aber es hat mir trotzdem weitergeholfen, das alles wieder ...
Gaby: Ein bisschen anders zu sehen, nicht?
Anja: Ich konnte wieder mit der Supervisionsgruppe zusammen entscheiden, weil Manfred mir diese Geschichte erzählt hat.
Ich habe mich mit dem Studierenden getroffen, habe mich mit ihm über seine Situation unterhalten und ihm die Entscheidung mitgeteilt, dass er erstmal wieder clean werden muss, bevor er weiter an der Supervision teilnehmen kann. Dass sich die anderen Studierenden sonst nicht in der Lage fühlen, die Supervision für sich zu nutzen, sondern sich zu sehr um ihn kümmern oder in die Abgrenzung mit ihm gehen.
Gaby: Ja, und ich meine, das ist das Leben. Und darum geht es doch, dass jeder seinen Weg findet. Und nicht darum, dass ich allen das jetzt verbiete, weil ich meine, dass es richtig ist oder falsch ist. Weder in der Antipsychiatrie noch in der Psychiatrie.
Anja: Geht es bei Manfred um Freiheit?
Gaby: Ja, aber auch um Verständnis.
Rolf: Ich war ja Gründungsmitglied der Irrenoffensive. Und da habe ich mit dem einen Gründer heftige Streits gehabt. Also, ich habe ja auch bewusst meine Psychopharmaka genommen, weil mir das halt geholfen hat, wieder ins Lot zu kommen. //Gaby: Genau.// Entschieden habe ich mich, Psychopharmaka zu nehmen, nachdem ich diesen Klinikaufenthalt hatte, wo ich eine Schaufensterscheibe kaputt gemacht hatte. Und dann habe ich mir gesagt, ja, was habe ich jetzt davon, wenn ich keine Medikamente nehme, aber dann in der Forensik lande?
Gaby: Die hatten dir doch damals mit Forensik gedroht, wie du mir erzählt hast.
Rolf: Nein, wir haben uns das nur mal von innen angeguckt.
Gaby: Nein, nein, nein, das hatte dir doch Deine Ärztin gesagt, dass du aufpassen musst.
Rolf: Ja, ja, ja, das war bei der Entlassung.
Gaby: Das meine ich.
Anja: Ging es Manfred um Freiheit? Für alle? Natürlich hat er auch über Konsequenzen nachgedacht. Aber was hat er postuliert?
Rolf: Für mich ist ja Freiheit das Wichtigste. Das ist ja auch das, was mich jetzt beschäftigt. Deswegen hätte ich gern den Parteitag der Linken verfolgt, die sagen, sie wollen den Kapitalismus abschaffen. Für mich gibt es nichts Wichtigeres als Freiheit. Weil, wenn sie ein anderes Gesellschaftssystem wollen oder einführen, das bedeutet immer auch, du hast nicht mehr die Freiheit, das zu denken, was du möchtest. Und das finde ich grauenvoll. In der Politik gilt also genauso, was ich vorhin sagte: Man muss die Menschen immer mitnehmen.
Anja: Vorhin habe ich schon wieder was von Rolf gelernt, Gaby. Ich habe mich daran erinnert, wie sehr es mich freute, als er bei meinem letzten Besuch sagte: Ich muss unbedingt wählen gehen. Obwohl er so krank war. Und vorhin hat er gesagt, er hätte sich das ja schon überlegt, als er hierhergezogen ist. Also, wie die Menschen hier drauf sind – politisch. Und dass es doch gut ist, wenn er unter ihnen lebt.
Gaby: Genau, damit kann man was bewirken, wenn man dabei ist und wählen geht.
Anja: Und dass es nicht immer darum geht, so ein Transparent hochzuhalten. Man muss nicht unbedingt durch die Welt laufen und sagen, „ich bin übrigens anders als ihr und ihr habt keine Ahnung und ich weiß es besser.“ Als du das vorhin erzählt hast, Rolf, habe ich darüber nachgedacht, wie das in Manfreds Zeit an der Universität gewesen ist. Hat er sich auch solche Gedanken gemacht wie du, wenn du heute sagst: „Ich bin auch hier. Und dadurch ist es hier schon wieder ein bisschen anders.“?
Rolf: Ich denke, ja.
Gaby: Und das war ein Akt, als wir wählen wollten und sein Ausweis nicht da war. Der lag noch in der Einrichtung und Rolf wollte unbedingt wählen. Und dann habe ich ihn gepackt und dann sind wir dorthin gefahren.
Anja: Ein Akt für die Demokratie.
Gaby: Und dann dachte ich, oh Gott, aber wenn der jetzt eingeschlossen ist im Büro, aber Gott sei Dank war der oben noch auf der Etage.
Epilog: Rolf hat weitergegeben, was ihm wichtig ist, und Anja bekommt etwas geschenkt.
Nach den Gesprächen mit Rolf und Gaby gehe ich spazieren. Ein starkes und stärkendes Kohärenzgefühl hallt nach. Rolf hat mir eine wichtige Lektion erteilt und mich belebt. Er sprach von seinem humanistischen Weltbild: Er gehe davon aus, dass Menschen sich entwickeln wollen und Anerkennung brauchen und verdienen für das, was sie tun und wie sie sich einbringen. Beeindruckt hat mich, dass er sich diese Anerkennung inzwischen selbst gibt, wenn er sein Leben umgeben von vielen Menschen, die anders denken und wählen als er, damit begründet, dass es doch gut sei, wenn auch er hier lebe und damit die Welt doch schon wieder ein klein wenig anders sei.
Wir zwei, und später drei, haben uns an Situationen und Gespräche erinnert, in denen sich unsere Lebenswege berührten und jede/r nach den eigenen Möglichkeiten da war. Ich denke an Levinas (Dörner, 2001) und dass wir uns, seit wir einander kennenlernten, dem Blick des/der Anderen aussetzten, ob wir nun darin Panik, Manie, Existenzangst, Neugier, Nachdenklichkeit, Lebenslust oder Getriebensein erkannten. Wir haben anerkannt und stehen lassen können, was der Fall ist – auch was wir voneinander nicht wissen, was wir nicht teilen können. Wir gehen zusammen spazieren und schauen in die Landschaft.
Zum Abschied sitzen wir am nächsten Tag, nach einer kleinen Stadtführung von Rolf, auf einer Bank in der Nähe des Bahnhofs und warten auf den Zug, mit dem ich abreise. Rolf fragt mich, ob ich mich daran erinnere, wie wir zusammen an meiner Diplomarbeit arbeiteten. In einem der Treffen hatte mich Rolf gefragt: „Wann fangen wir denn endlich an zu arbeiten?“ Und jetzt kommentiert er: „Weil, ich hab das nicht verstanden, was wir da machen.“
Er lacht und wir sprechen darüber, was für ein Verständnis von Arbeit wir beide biographisch mitbrachten. Dreißig Jahre später sitzen wir zusammen und freuen uns, dass Denken, Wissenwollen und Austausch inzwischen zu unserem gemeinsamen Selbstverständnis gehören.
Rolf sagt zum Abschied: „Ich möchte etwas weitergeben. Dann ist das, was ich durchlitten habe, aber auch alles, was mich zu dem werden ließ, der ich geworden bin, nicht umsonst gewesen. Dass das, worüber ich reden kann, auch etwas verändert.“
Vielleicht können wir Leser*innen erahnen lassen, was möglich ist, wenn man Hochschullehrern wie Manfred Zaumseil begegnet und durch von ihm geöffnete Türen gegangen ist. Danke, Manfred!
Endnoten
1. Rolf Ruszetzki, Gabriela Ulrich, Manfred Zaumseil und ich begegneten uns im Universum der Sozial- und Gemeindepsychiatrie und universitären Lehre und Forschung im Berlin der 1990er Jahre. 1994 absolvierte ich als Psychologiestudentin an der Freien Universität Berlin das Projektstudium Psychosoziale Beratung (vgl. Autor*innenkollektiv, 2023) und in diesem Rahmen ein Praktikum in einer Berliner Kontakt- und Beratungsstelle (KBS). Dort traf ich Rolf Ruszetzki und Gabriela Ulrich, einen Besucher und eine Besucherin. Wir begannen uns füreinander zu interessieren und voneinander zu lernen. Mein Supervisor im Projektstudium war Manfred Zaumseil. Manfred engagierte sich neben der Lehre und Forschung auch im Vorstand des Vereins KBS e.V. (dem Träger der KBS M32) und Anfang der 1990er Jahre u.a. für die Etablierung eines Berliner Psychose-Seminars in der Außenstelle der Freien Universität Berlin, dem Projekt Psychosoziale Beratung im Bezirk Wedding (in diesem Artikel auch Uferstraße genannt). Dieses besuchten Gaby, Rolf und ich von Anfang an.
Literatur
Autor*innenkollektiv: Behzadi, A., Bergold, J., Bowe, S., Hermann, A., Marcus, K., Mathiske-Oczka, B., Schinz, M., Schürmann, I. & Zaumseil, M. (2023). Elemente gemeindepsychologischen Lehrens und Lernens am Beispiel des ehemaligen Projektstudiums an der Freien Universität Berlin. In A. Behzadi, A. Lenz, O. Neumann, I. Schürmann & M. Seckinger (Hrsg.), Handbuch Gemeindepsychologie. Community Psychologie in Deutschland (S. 559–588). Tübingen: dgvt-Verlag.
Dörner, K. (2001). Der gute Arzt. Lehrbuch der ärztlichen Grundhaltung. Stuttgart: Schattauer.
Hermann, A., Partenfelder, F., Raabe, S., Riedel, B. & Ruszetzki, R. (2004). „Miteinander statt übereinander“: Ergebnisse einer Begleitstudie zum Weddinger Psychoseseminar und Erfahrungen mit der Forschungspartizipation von Psychoseerfahrenen. Journal für Psychologie, 12 (4), 295–325.
Rosa, H. (2019). Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
Autoren*innen
Rolf Ruszetzki
Lebt als Rentner in einer Kleinstadt in Mitteldeutschland; hatte als Dreher gearbeitet, bis er aufgrund von Psychoseerfahrungen nicht mehr arbeitsfähig war und frühberentet wurde. Sammelte verschiedenste Erfahrungen in vielen Psychiatrien, in die er auf seinen Reisen eingewiesen wurde. Als Gründungsmitglied des ersten Berliner Psychoseseminars vielfältiges Engagement u.a. bei Tagungen, Kongressen, in der Fortbildung von Pflegepersonal in der Psychiatrie und in Seminaren, u.a. im Psychologie- und Sozialarbeitsstudium. Empowermenterfahrungen, u.a. gegenüber dem Berliner Senat beim eigenständigen Einwerben von Geldern für eine mit G. U. gegründete Selbsthilfegruppe, die Theater spielen lernen wollte. Leidenschaftlicher Radfahrer und Politikinteressierter.
Anja Hermann
anja.hermann@bitte-keinen-spam-vivantes.de
Promovierte Diplom-Psychologin, Psychoonkologin und Systemische Therapeutin. Prägendste Lernerfahrung im Studium der Psychologie war der Austausch im Weddinger Psychoseseminar mit Psychoseerfahrenen, Angehörigen, Professionellen und Studierenden sowie das gemeinsame Beforschen dieses Seminars mit fünf Psychoseerfahrenen. Nach dem Studium folgte der dauerhafte Versuch, Forschung, Lehre und Praxis miteinander zu verbinden. Heute praktisch tätige Psychoonkologin in der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin im Vivantes Klinikum Am Urban Berlin, Supervisorin und Systemische Therapeutin.