[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 30 (2025), Ausgabe 2]
1. Eine persönliche Vorbemerkung
Manfred Zaumseil und ich unterhielten auch Jahre nach meinem Ausscheiden aus der Freien Universität (FU) Berlin, der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT) und Gesellschaft für Gemeindepsychologische Forschung und Praxis (GGFP) einen unregelmäßigen persönlichen Kontakt, der zum einen darin begründet war, dass wir uns beide mit psychosozialen Fragen im Kontext von Katastrophen mit einer ähnlichen wissenschaftlichen Orientierung beschäftigten. Zum anderen verband uns, dass ich in seiner Geburtsstadt Magdeburg viele Jahre arbeitete. Im Herbst 2013 fragte er mich, ob ich sein demnächst erscheinendes Buch rezensieren wolle, da wir doch beide mit verschiedenen Akteursgruppen im Feld der Katastrophenbewältigung sehr ähnliche fachlich Diskurse (und Konflikte) austragen würden. Nach meinem „Ja“ erhielt ich die Druckvorlage.
Es gibt Bücher, bei denen die zur Rezension entschlossene Leserin mit großem Respekt vor der Besprechung innehält, ob der tiefen Durchdringung des Forschungsgegenstandes, der intellektuellen Konsequenz, der forschungsethischen Ernsthaftigkeit und theoretischen und sprachlichen Stimmigkeit. Dieses Buch war/ist so ein Buch. Auch schien dieser Band das fachliche Oeuvre von Manfred Zaumseil abzurunden und seine verschiedenen fachlichen Wege zusammenzuführen – von der Entdeckung der Macht sozialer Ressourcen über die Reflexion der kulturellen Einflüssen auf die Erscheinungsformen, Definition und Behandlung psychischer Belastungen hin zu der Konzeption einer Klinische Kulturpsychologie, nun also auch im Kontext der Verarbeitung von Extremereignissen. Damit seien nicht die anderen Mitwirkenden, Herausgeberinnen und Herausgeber, Autorinnen und Autoren mit ihren ausgezeichneten Beiträgen geringgeschätzt. Aber die Stimmigkeit des Rahmens bündelt offenbar eine lange und breite fachliche Entwicklung.
Kann man dem in einer Rezension gerecht werden – natürlich nicht, dachte ich. Zugleich sollte aber gerade ein solches Buch unterschiedliche Szenen erreichen – die psychotraumatologischen Expertinnen und Experten, die Behörden und Organisationen im nationalen und internationalen Katastrophen- und Krisenmanagement – und nicht zuletzt die Gemeindepsychologinnen und -psychologen. Ich schrieb daher drei unterschiedlich akzentuierte Varianten von Rezensionen, schickte eine oder zwei an Manfred. Ihm gefiel, wie ich den Band gelesen und verstanden hatte. Aber: Der zugegebenermaßen leicht missionarische Anspruch „Das müssen diese und jene unbedingt lesen!“ verbunden mit einer gewissen Kenntnis vorhandener „berufskultureller Erkenntniswiderstände“ baute immer wieder neue innere Unzufriedenheiten und Optimierungswünsche mit den Texten bei mir auf. Und am Ende führte das Zusammenspiel verschiedener Verzagtheiten und Lebensbedingungen dazu, dass keine der Rezensionen irgendwo eingereicht wurde.
Als wir uns später einmal trafen, sprachen wir auch darüber. Wir fanden es beide schade, aber sahen es auch als Zeichen für den respektvollen Umgang mit einem komplexen Thema – und seiner komplexen Bearbeitung. Nun also soll doch endlich über das Buch gesprochen werden.
2. Anlass, Rahmen und Ziele des Buches
2006 veröffentlichte Manfred Zaumseil zusammen mit Ernestine Wohlfahrt den Band „Transkulturelle Psychiatrie“. Im selben Jahr zerstörte ein Erdbeben in Java, in der Provinz Yogyakarta 300.000 Wohnungen, verletzte 20.000 Menschen und forderte 6.000 Tote. Dieses Ereignis stieß den dreijährigen Forschungsprozess zwischen 2009 und 2011 an, in dem der lokale Bewältigungsprozess von der o.g. Autorengruppe unter einer kulturpsychologischen Perspektive mit qualitativen Methoden und vor allem unter Partizipation von Mitgliedern der Gemeinden untersucht wurde.
Die Untersuchung ist an der Schnittstelle von zwei fachlichen Diskursen und Praxisfeldern angesiedelt: 1. die psychosoziale/psychotraumatologische Copingforschung und Bereitstellung von psychosozialen Hilfen und Psychotherapie im Kontext extremer bzw. katastrophaler Ereignisse und 2. die wissenschaftliche Ermittlung und Förderung von Bewältigungskapazitäten der Bevölkerung vor und nach Notfällen und Katastrophen im Krisenmanagement der Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben.
Das Ziel war nicht die Formulierung einer interdisziplinär-additiven, sondern einer transdisziplinären, die Beschränkungen der Disziplinen überschreitenden Rahmenkonzeption. Im Zentrum ihrer theoretischen Analysen und Formulierung einer integrativen und umfassenden Kulturpsychologie der Bewältigung von Katastrophen stehen Ereignisse, die verkürzt alltagssprachlich als „Naturkatastrophen“ bezeichnet würden, aber doch auch immer „Sozialkatastrophen“ sind – sowohl was die Ungleichheiten in der Einordnung, in den Risiken und den Folgen als auch die Bewältigungsressourcen betrifft (Clausen, 2015).
Die Autor*innengruppe verfolgte mit der Untersuchung das Ziel, mit der Entwicklung kultur-adäquater qualitativer und partizipatorischer Forschungsmethoden zu einer breiteren Konzeptualisierung von Coping in kulturell geprägten und gelebten Lebenswelten beizutragen. So werden auch die Betroffenen zu der Darstellung ihrer eigenen Perspektiven und Erfahrungen ermutigt. Gegen eine crosscultural psychology, die universalistisch operiert und eher soziodemographische oder oberflächliche Formen von diversity zulässt, setzen Manfred Zaumseil und die Forschungsgruppe an einer cultural psychology an und sind eher an der Herausarbeitung und Konzeptualisierung lokaler Besonderheiten interessiert. Auch wird die implizite Ideologie der Machbarkeit, Überwindung und Zukunftsbeherrschung im Resilienzdiskurs hinterfragt und damit die Ausblendung von Leiderfahrungen, die im sozio-kulturellen Kontext durchaus sinn- und gemeinschaftsstiftende Wirkungen entfalten können (Zaumseil, 2012).
Ausgehend von einer umfassenden und kritischen theoretischen Bestandsaufnahme und kulturpsychologischen Theoriebildung wird die darauf aufbauende „Fallstudie“ zur Bewältigung des Erdbebens von 2006 in Java, Indonesien, in der Region Bantul in drei unterschiedlich betroffenen und sozio-kulturell geprägten sowie materiell ausgestatteten Gemeinden dargestellt. Anhand der Ergebnisse wird zum einen die konzeptionelle Leistungsfähigkeit des Theorieansatzes geprüft, zum anderen werden übertragbare Elemente eines kultursensiblen Verstehens und Handelns von Bewältigungsprozessen von Katastrophen aufgezeigt.
Das Buch richtet sich an die psychotraumatologischen Expertinnen und Experten in Forschung und Praxis, an die Behörden und Organisationen im nationalen und internationalen Katastrophen- und Krisenmanagement – und nicht zuletzt an die psychosozialen Fachkräfte im Kontext der Gemeindepsychologie.
3. Aufbau und Inhalt des Buches
Bereits die Geleitworte bauen eine interdisziplinäre Brücke zwischen Sozial- und Naturwissenschaften. Der durch die Synopse zu „Five-Elements“ früher wirksamer psychosozialer Hilfen nach Notfallereignissen international rezipierte Stressforscher Steven Hobfoll (Hobfoll et al., 2007) und der amerikanische Geograph, Katastrophen- und Nachhaltigkeitsforscher Ben Wisner stellen dem Band theoretisch einbettende Geleitworte voran.
Der Band ist folgerichtig in drei Teile gegliedert:
- Im ersten Teil arbeiten die Autorinnen und Autoren in Auseinandersetzung mit den theoretischen Ansätzen im Forschungsfeld ihre spezifische Perspektive und Theorie einer Kulturpsychologie der Bewältigung von Katastrophen heraus.
- Im zweiten Teil beschreiben die Autoren Forschungsansatz, -ethik und -methodologie sowie die Durchführung der Fallstudie.
- Im dritten Teil formulieren Sie basierend auf der Ergebnisdarstellung ihre Erkenntnisse vor dem Hintergrund ihres nun weiter konkretisierten kulturpsychologischen Rahmenmodells.
Erster Teil
Hier werden Konzepte, Modelle und Forschungsansätze im Bereich der Katastrophen- und Copingforschung zusammenfassend dargestellt und kritisch analysiert. Abschließend formulieren die Autoren ihr kulturpsychologisches Rahmenkonzept für die Bewältigung von Katastrophen.
Im 1. Kapitel (von Vacano & Zaumseil) werden die gängigen Konzepte (z.B. Naturkatastrophe, Risiko, Vulnerabilität, Resilienz, Prävention, Anpassung, ...), Forschungsparadigmen (Natur als Gefahr, Menschliche Vulnerabilität und Verantwortung, Mensch-Umwelt-Interaktion) und Katastrophen-Bewältigungstheorien zusammenfassend dargestellt und auf konzeptionelle Lücken, Konnotationen sowie soziale, kulturelle und/oder psychologische blinde Flecken hin befragt. Immer wieder wird deutlich, wie viel soziale Konstruktion in den Interpretationen und Ursachenzuschreibungen von Katastrophenphänomenen enthalten ist. Dies beginnt bei der Definition dessen, was überhaupt ein zum Handeln aufforderndes Risiko ist, geht über idyllische Vorstellung phasenunabhängiger, sozial- und gendergerechter sozialer Unterstützung und professioneller Hilfe und reicht bis zum „ordnungsgemäßen“ Krisenmanagement. Dabei bleibt die Diskrepanz zwischen scheinbar weltweit gültiger, „universalistischer“ Expertensicht und lokalem, durchaus heterogenem und dynamischem Wissen nicht ausgespart.
So wird beispielsweise im bundesdeutschen und internationalen Krisenmanagement zwar die Resilienz der Bevölkerung zunehmend als bedeutsames Element der gesamtgesellschaftlichen Bewältigungskapazitäten bezogen auf Krisen und Katastrophen thematisiert (z.B. Sendai Rahmenprogramm, 2015). Dieser Diskurs hat insbesondere in der Zeit der Corona-Pandemie, Fahrt aufgenommen; Zudem stehen in jüngster Zeit im Kontext von Kriegsgefahren und Zivilschutz sowie Klimawandel vor allem Fragen der Vorsorge, Vorbereitung und Selbsthilfe im Vordergrund des umfassenden Psychosozialen Krisenmanagements. Diese Entwicklungen konnten beim Erscheinen des Bandes noch nicht berücksichtigt werden.
Während auf der politischen Ebene heute zunehmend der Anspruch formuliert wird, das selbstorganisierte soziale Handeln in der Krisenbewältigung anzuerkennen, dominiert in der Praxis des Krisenmanagements immer noch eine verengte Sicht auf Vorsorge und Coping: Sie werden als individuelles Handeln betrachtet, bei dem allenfalls soziale Ressourcen den Einzelnen stärken; eine resiliente Bevölkerung erscheint hier also lediglich als Summe individueller Resilienzen. Auch werden lebensweltspezifische Sinnhaftigkeiten und Logiken der Krisenbewältigung ausgeblendet: Die Bevölkerung soll subsidiär, also nur die Behördenressourcen ergänzend leisten, was im Sinne der Behörden erforderlich erscheint; sie soll sich also in die behördliche Logik „einbinden“ lassen, statt dass ihre lebensweltlichen Lösungen Anerkennung finden.
Kultur verengt sich zumeist noch auf ein implizites Bild von Migrationshintergrund plus Religion plus ggf. ambivalenten Bewertungen zwischen „Defizit“ und „Exotik“. Soziale Milieus, kulturelle Szenen und lokale oder regionale Mentalitäten unterhalb der Religionszugehörigkeit und Nationalität geraten erst nach und nach in den Fokus (z.B. Gehörlosenkultur, Nutzergruppen von Medien, konsumbezogene Lebensstile) – und dann zunächst nur als „Ziel“-Gruppe der staatlichen Risiko- und Krisenkommunikation oder der Angebote der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) – nicht als Kommunikations-„Partner“. Das Soziale und das Kulturelle werden dabei lediglich als äußere Einflüsse auf den individuellen innerpsychischen Bewältigungsprozess nach Katastrophen beschrieben (vgl. Beerlage, 2023), jedoch nicht als Formen der individuellen und sozialen Bewältigung.
Theoretisch heben die Autoren am Ende einige Dualismen auf, z.B. normal-ressourcenreicher Alltag und außergewöhnlich-ressourcenarme Katastrophe, Individuum-Gemeinwesen, Körper-Psyche, oder Monismen, z.B. der Islam, das Christentum.
Im 2. Kapitel (Zaumseil & Schwarz) werden die Paradigmen der Coping-Forschung historisch hinsichtlich ihrer thematischen Schwerpunkte und der Berücksichtigung individueller und sozialer Einheiten gegliedert und kritisch reflektiert. Dieser Teil ist zunächst eine wertvolle Zusammenführung und kritische Befragung der theoretischen Facetten des Feldes für alle Leser, die sich aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern oder Disziplinen dem Thema nähern. Die Leser*innen werden oft überrascht und bereichert, indem fachliche Selbstverständlichkeiten immer wieder erschüttert werden und an einschlägigen Beispielen zum Perspektivwechsel aufgefordert wird.
Wohl hat sich die internationale Copingforschung in vielfacher Hinsicht in den letzten Jahren gegenüber sozio-kulturellen Fragestellungen und Perspektiven geöffnet. Beispielsweise wird die Bedeutung und ressourcenkomplementäre, respektierende Berücksichtigung der sozialen Unterstützung im Coping-Prozess nach Notfallerfahrungen im Kontext der Psychosozialen Notfallversorgung in den wissenschaftlich erarbeiteten und konsentierten Leitlinien und Qualitätsstandards zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) festgehalten (BBK, 2011). Auch weitere internationale Leitlinien beschreiben Coping nach Katastrophen im sozialen Lebenszusammenhang in starkem Maße als kulturell geformt, von sozialer Ungleichheit geprägt und zugleich als kreative Ressource für nachhaltige Entwicklungen des gesamten Gemeinwesens. Die kulturell geprägten Formen des sozialen Copings, ihre Funktionalität, aber auch ihre Nebenwirkungen werden jedoch selten näher betrachtet.
Zudem wird das kritische Ereignis an sich ausschließlich als objektiv negativ, bedrohlich, vernichtend, ... betrachtet. Sozio-kulturelle positive Aspekte (Sinnstiftungen, Botschaften, Mahnungen, Hinweise, ...) stehen – vor allem in der Forschung in den industrialisierten, westlichen Gesellschaften – nicht im Fokus.
Im 3. Kapitel schlagen Zaumseil, von Vacano, Schwarz, Sullivan und Prawitasari-Hadiyono die theoretische Brücke zwischen anthropologischen und soziologischen Forschungsansätzen einerseits und universalistischen psychologischen Forschungsansätzen andererseits, um ihren kulturpsychologischen Rahmen zu formulieren. Mit einem nachdrücklichen „farewell to all forms of universalism“ (S. 94) leiten sie über zu ihrem Ansatz, lokale Kulturen in ihrer Katastrophen-Bewältigung zu betrachten. Kultur definieren die Autoren darin als „Art und Weise, in der Menschen auf ihre Welt und sich selbst durch Bedeutungen und Praktiken bezogen sind. Kultur wird geteilt, (re)produziert und in multiplen sozialen Kontexten ausgehandelt...“ (S. XV, Übersetzung I.B.). Eine zentrale Größe ihres kulturpsychologischen Coping-Begriffs ist zum einen die Community als sozialer und lokaler Kontext, in dem Symbole und Bedeutungen konstruiert und vermittelt werden, Emotionen und Bewältigungshandeln mehr oder weniger intensiv geteilt werden, die aber auch als Ganzes, als sozialer Akteur in der Bewältigung der Katastrophe agiert. Die zweite zentrale Größe ist das sich als mehr oder weniger wirkmächtig erfahrende Selbst, das zum einen kulturspezifische Umwelterfahrungen verinnerlicht hat, zum anderen aktiv und verändernd auf seine Umwelt einwirkt. Die klassische Analyserichtung von Ursache und Wirkung wird zugunsten der Rekonstruktion wechselseitiger Durchdringung von Selbstwirksamkeit und Community (Sense of Community, Sense of Agency) aufgegeben. Die strukturellen und soziokulturellen Kontexte, in die der Bewältigungsprozess eingebettet ist, stärken oder schwächen in diesem Ansatz die Bewältigungskräfte nicht nur (von außen), sondern schließen bereits die soziale Aushandlung dessen ein, was überhaupt als Stressor, Katastrophe, Bewältigung oder Leiden in einer Gemeinschaft gilt.
Dieser Teil beeindruckt in mehrfacher Hinsicht: Da ist die tiefe Kenntnis unterschiedlicher Theorien und Arbeitsansätze zu nennen (gut für Leserinnen geeignet, die sich in das Feld einarbeiten möchten). Auch die unaufgeregt ausgewogene und doch strenge, kritische Prüfung vorherrschender Konzepte transportiert einen wünschenswerten Stil im wissenschaftlichen Dialog. Sie kann jedoch nur vor dem Hintergrund eines eigenen stimmigen und komplexen Ansatzes konsistent gelingen, wie er dann skizziert wird. Aber besonders hervorzuheben ist die so bewusste Sprache – jeder Terminus, der für den eigenen Theorie- (und später auch für den Methoden-)Ansatz gewählt wird, ist in seinen Bedeutungsfacetten, Konnotationen und Nebenwirkungen reflektiert und stimmig zu anderen Konzepten im Modell. Diese Sprache ist auch Ausdruck einer zutiefst respektvollen, wertschätzenden Haltung gegenüber allen Betroffenen und Professionellen im Kontext einer Katastrophe und gegenüber allen Mitwirkenden im Forschungsprozess. Diesen Teil zu lesen, bereitet durchaus intellektuellen Genuss. Hier zeigt sich in besonderer Weise auch der Mensch im Wissenschaftler Manfred Zaumseil.
Zweiter Teil
Im zweiten Teil beschreiben die Autoren Forschungsansatz, -ethik und -methodologie sowie die Durchführung der Fallstudie. Diese soll zum einen die konzeptionelle Leistungsfähigkeit des Theorieansatzes aufzeigen, zum anderen aber auch übertragbare Elemente eines kultursensiblen Verstehens und Handelns herausarbeiten.
Beeindruckend an diesen Beiträgen zu diesem kultursensiblen Forschungsansatz sind viele Aspekte: 1. die vorsichtige Annäherung an das lokale Forschungsfeld, 2. die vorausgehende historische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Analyse verfügbaren und notwendigen Wissens über die Region, 3. die durch Respekt ermöglichte wechselseitige (und wohl nicht immer nur mühelose) gemeinsame Entwicklung der deutschen und indonesischen Teams und 4. die kulturpsychologische und ethnomethodologische Reflexion des gemeinsamen Forschungsprozesses mit den indonesischen Forschungsbeteiligten, die nicht nur Wissenschaftler sind, sondern auch Überlebende des verheerenden Erdbebens. Besonders bemerkenswert sind auch 5. die Redlichkeit und mutige Ehrlichkeit in der Beschreibung eigener naiver Annäherungsfehler, der Blindheiten, der Erkenntnisgewinne, der Nachjustierungen. Dieses Kapitel bereichert jedes Seminar zur selbstreflexiven qualitativen Forschung.
Wie sehr sozio-kulturelle Macht-Hierarchie-Konstruktionen jenseits bester Absichten in den Köpfen wirken, wird im Beitrag des jungen Wissenschaftlers Nindyah Rengganis deutlich, der sich in der Beziehungsgestaltung zu dem hochrangigen weißen Europäer, der kein Boss sein will, mit seinen verinnerlichten Macht-Strukturen selbst als der junge, befehlsausführende „Native“ erfährt und gegen diese erwartete Wirklichkeit spontane Widerstände entwickelt – „versklavt in der Erfahrung einer früher kolonialisierten Person“. Schließlich wächst er an dem ihm widerfahrenden Respekt durch das europäische Team in seinem Selbstwertgefühl.
Dritter Teil
Hier werden die Ergebnisse der Interviews auf der Basis des multidimensionalen Coping-Modells dargestellt; die materiellen, sozialen, spirituell-religiösen und lebensführungsbezogenen Aspekte dienen dabei als analytische Perspektiven, wobei in den einzelnen Kapiteln und Beispielen ihre wechselseitige Durchdringung und die dadurch entstehende Komplexität psycho-sozialer und gesellschaftlicher Wirklichkeit lebendig vor Augen tritt.
Dieser Teil ist anschaulich durch zahlreiche (Interview-)Beispiele, theoretisch bereichernd durch die aus den Interviews gewonnenen differenzierten und differenzierenden Ordnungsgesichtspunkte, interkulturell bereichernd, da die (religiöse) Weltsicht der Interviewten so sehr vom westlich geprägten Machbarkeitsmythos abweicht und eine andere Art des Nachdenkens über Schicksalsschläge anregt. Allen Autoren gelingt es, die Leser*innen zum einen in das tiefere Verstehen dieses lokalen Ereignisses und seiner Bewältigung einzutauchen, zum anderen für die verallgemeinerbaren Aspekte zu sensibilisieren. Am Ende sind die kalt gewordenen „Variablen“ und „Kategorien“ Trauma, Gemeinde, soziale Ressourcen, Religion und Kultur wieder mit einem sehr differenzierten (Er-)Leben der Interviewpartner gefüllt. An die Stelle der Gewissheit sind die Fragen an die Menschen in zukünftigen Notlagen getreten.
Das Soziale Coping (Kapitel 10, Schwarz) in den Gemeinden wird nicht romantisch beschönigt. Die Konfliktlinien zwischen Ressourcenreicheren und -ärmeren werden beschrieben, ebenso die Prozesse der Vergemeinschaftung, die auch schmerzhafte Exklusionen mit sich bringen können. Es bleibt nicht bei der Berücksichtigung der Quantität von verfügbaren (sozialen) Ressourcen: Qualitativ mindere oder höhere Ressourcen seien ebenfalls zu unterscheiden. Auch werden Nebenwirkungen wohlgemeinter Hilfen erlebt und berichtet. So erleben sich auf der materiellen Ebene (Kapitel 9, von Vacano) die Gemeinden als „bewältigungsstärker“, bei denen es mehr Motorräder gibt, um Verletzte oder Güter zu transportieren, die somit auch Hauptverkehrsstraßen erreichen können, auf denen Rettungsfahrzeuge internationaler Hilfsorganisationen fahren oder deren Krisenkoordinator seinen Sitz näher an den Ausgabestellen von Hilfsgütern platziert hat. Lebensmittel und Zelte schließlich sind ambivalente Ressourcen: einerseits (Über-)Lebensmittel oder auch positiv als Zeichen der Hoffnung, der Wiedererlangung von Privatheit und Autonomie, von Schutz vor zukünftigen Erdbeben oder der menschlichen oder göttlichen Fürsorglichkeit zu bewerten, andererseits aber auch als Zeichen des Versagens und der Abhängigkeit.
Der Konflikt zwischen dem Schutz durch Solidarität und Zusammenhalt einerseits und der Last der aktiven Mitwirkung und -verantwortung trotz eigener hoher emotionaler Belastungen und Trauer andererseits werden mehr als deutlich. Die Interviewergebnisse zur zukunftsorientierten Stärkung der Resilienz offenbaren acht dominante Themen: Wahrscheinlichkeit und Beruhigung (seltenes Ereignis), Stärkung personaler und sozialer Kompetenzen (Training), materielle Sicherung (Verstärkung der Haussubstanz), Vertrauen auf die Bewältigungskompetenzen des Einzelnen und der Gemeinde, familiäre Einbettung, sichere materielle Situation der Familie, Stärkung des Zusammenhalts in der Gemeinde und Gottvertrauen/kosmologische Einbettung. Auch die Veränderung der Bedeutung der sozialen Teilhabe und Einbettung im Verlauf des persönlichen Bewältigungsprozesses wird beschrieben sowie die sozialen und kommunalen Transformationsprozesse, z.B. durch Paraprofessionalisierung von Hilfesystemen oder auch dem Bröckeln des Zusammenhalts in der Phase der „Normalisierung“.
Auf der biographischen Ebene (Kapitel 11, Schwarz) wird die Bedeutung des Erdbebenereignisses auch als Neujustierung von persönlichen sozialen Wertmaßstäben und Verhaltensregeln herausgearbeitet, die über ein individuelles „posttraumatisches Wachstum“ hinausweisen. Davon wird auch der von der Notfallseelsorge oft angesprochen Mensch-Gott-Dialog berührt und verändert, in dem das Ereignis auch als Mahnung erscheinen kann oder als sinnvolle, verstehbare Folge eines noch zu verbessernden Lebens.
Kapitel 13 „Suffering, Healing and Trauma“ (Indradjaja & Zaumseil) stellt u.a. die Antworten der Interviewpartner zum erlebten „Trauma“ und zu ihren Heilmitteln und Heilungsprozessen dar. Trauma stellt dabei ein „Wort“ dar, das verwendet wird – jedoch jenseits der engen Kriterien von DSM und ICD –, oft sogar ohne seine Bedeutung und Herkunft zu kennen, das aber als Chiffre für „das Einschneidende“ steht. Seine kulturell vielschichtige Füllung mit verändertem Selbstbezug und verändertem Sozial- und Weltbezug zeigt in beeindruckender Weise, wie „glokale“ Wissensbestände und Denkmuster entstehen: globale Konstrukte mit der Füllung lokaler Bedeutungen. So ist z.B. der Verzicht auf die in der westlichen Psychologie zentrale Bedeutung der individuellen Kontrolle bemerkenswert. Die Autoren nehmen eine Dimensionierung der Coping-Themen und -Ressourcen nach ihren religiösen, materiellen, sozialen und lebensführungsbezogenen Aspekten vor, zwischen denen es zu thematischen Überschneidungen kommt: z.B. überschneiden sich soziale und religiöse Bewältigungsversuche im gemeinsamen Gebet, in Mitgefühl und Wohltätigkeit und soziale und materielle Aspekte in der gegenseitigen praktischen und gemeindebezogenen ehrenamtlichen Wiederaufbauarbeit.
Am Ende sei es aber immer erforderlich, Anpassungen von Modellannahmen in Abhängigkeit von Ereignisarten und Regionen der Welt vorzunehmen.
4. Abschließende Würdigung
Dieses Buch wird einem großen Leserkreis ans Herz gelegt. Es sei nachdrücklich Katastrophenforscher(innen) im Kontext der Risiko- und Resilienzdiskussionen sowie Führungskräften im internationalen und nationalen Krisenmanagement empfohlen, weil es einen anderen Blick auf eine „eigensinnig“ handelnde Bevölkerung nach Katastrophen eröffnet. Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen im Feld der kurz-, mittel- und langfristigen psychosozialen Versorgung inklusive der psychotherapeutischen Versorgung erhalten zahlreiche Impulse, um eine klinische, zuweilen sehr früh pathologisierende Sicht zu erweitern und die sozio-kulturelle Durchdringung des individuellen Coping-Prozesses zu verstehen. Auch Praktiker*innen im Feld der Psychosozialen Notfallversorgung im deutschen Alltag eines von Diversität und Migration zunehmend geprägten Landes können zu einem breiteren Verständnis der Einflüsse auf den Bewältigungsprozess gelangen und daran ihr kultursensibles Zuhören und Verstehen wachsen lassen. Dieses Buch versöhnt auch den häufig von der Kontrollierbarkeits- und Vermeidungslogik geprägten Resilienzdiskurs mit der grundsätzlichen Möglichkeit von Leid, das die Psychosoziale Notfallversorgung täglich und in Katastrophen begleitet. „Eine resiliente Gemeinschaft sollte Möglichkeiten haben und entwickeln, dies mitzutragen, auszuhalten und gemeinsame Wege zur Genesung des Herzens (Hervorh. MZ) zu finden“, schreibt Manfred Zaumseil zwei Jahre vor Erscheinen des Buches (Zaumseil, 2012, S. 7). Zudem ist der Band äußerst anregend für alle, die an einer sorgfältigen, qualitativen und partizipatorischen Feldforschung interessiert sind.
Und ermutigend sollte der Band sein für jene, die einer wissenschaftlichen, floskelhaften Terminologie eine bewusste, differenzierte Sprache entgegensetzen möchten, in die eine Auseinandersetzung mit Begriffsgeschichte(n), theoretischer Stimmigkeit und Haltung eingehen, auch wenn die aktuelle wissenschaftliche Publikationskultur dies zunehmend weniger zulässt.
Literatur
Beerlage, I. (2009). Qualitätssicherung in der Psychosozialen Notfallversorgung. Deutsche Kontroversen – Internationale Leitlinien. (Schriften der Schutzkommission, Bd. 2). Bonn: BBK.
Beerlage, I. (2023) Resilienz von Gemeinschaften, Städten und Gemeinwesen/Community Resilience. 2. Resilienz-Förderung. Verfügbar unter:
https://leitbegriffe.bioeg.de/systematisches-verzeichnis/strategien-handlungsansaetze-und-methoden/resilienz-von-gemeinschaften-staedten-und-gemeinwesen-community-resilience-2-resilienz-foerderung/ [29.05.2025].
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. (BBK). (Hrsg.). (2011). Psychosoziale Notfallversorgung: Qualitätsstandards und Leitlinien. Teil I und II. Bonn: BBK.
Clausen, L. (2015, posthum). Meine Einführung in die Soziologie. Frankfurt a.M. /Basel: Stroemfeld.
Hobfoll, S.E., Watson, P., Bell, C.C., Bryant, R.A., Brymer, M.J., Friedman, M.J., Friedman, M., Gersons, B P.R., T.V.M de Jong, J., Layne, C.M., Maguen, S., Neria, Y., Norwood, A.E., PynFive Essential Elements of Immediate and Mid-Term Mass Trauma Intervention: Empirical Evidence. Psychiatry 70 (4), 283–315.
United Nations Office for Disaster Risk Reduction (UNISDR). (2015). Sendai Framework for Disaster Risk Reduction. Verfügbar unter:
https://www.undrr.org/implementing-sendai-framework [28.5.2025].
Zaumseil, M. (2012). Der Diskurs über Trauma im Kontext von Katastrophen. Einsichten aus dem Umgang mit extremem Leid in Java/Indonesien. Internationale Akademhttp://
www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen/arbeitsbereiche/klinische_psychotherapie/ehemalige-Professor_inn_en/mzaumseil/TRaumaDiskurs.pdf [15.02.2016].
Zaumseil, M., Schwarz, S., von Vacano, M., Sullivan, G.B. & Prawitasari-Hadiyono, J.E. (Hrsg.) (2014). Cultural Psychology of Coping with Disasters. The Case of an Earthquake in Java, Indonesia. New York, Heidelberg u.a.: Springer.https://doi.org/10.1007/978-1-4614-9354-9
Autorin
Irmtraud Beerlage
Prof. Dr., Dipl. Psych.
irmtraud.beerlage@bitte-keinen-spam-t-online.de
Nach der Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Berlin (1983-1988) und Forschung am Sozialpädagogischen Institut Berlin (1988-1993) Professorin an der Hochschule Magdeburg-Stendal, v.a. in den Studiengängen Gesundheitsförderung und Management sowie Sicherheit und Gefahrenabwehr (1994-2021).
Forschungsschwerpunkt: Copingforschung (Berufliche Belastungen und Krisen, Kritische Lebensereignisse, Psychosoziale Notfallversorgung, Community Resilience)