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Communities verstehen – Kulturen leben: Der kulturpsychologische Beitrag Manfred Zaumseils

Silke Schwarz

[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 30 (2025), Ausgabe 2]

 

Zusammenfassung

Zusammenfassung

Der Beitrag würdigt Manfred Zaumseils kulturpsychologisch orientiertes Werk und seine Bedeutung für die Gemeindepsychologie. Er zeigt, wie Zaumseil psychische Prozesse als kulturell gerahmte Phänomene verstand und Forschung als dialogischen, partizipativen Prozess gestaltete. Anhand eines Indonesien-Forschungsprojekts werden seine Ansätze zu Coping, Resilienz und interkultureller Zusammenarbeit dargestellt. Der Artikel macht deutlich, wie sein kritischer, kontextsensibler Ansatz zu einer verantwortungsvollen Psychologie in globalen Krisenkontexten beiträgt.


Schlüsselwörter:
Kulturpsychologie, Coping, Resilienz, Gemeindepsychologie, Interkulturelle Forschung, Partizipative Methodologie

 

Summary

Understanding communities – Practicing cultures: Manfred Zaumseil's contribution to cultural psychology

 

This article highlights Manfred Zaumseil’s culturally grounded contributions to community psychology. It outlines his understanding of psychological processes as culturally embedded and emphasizes his commitment to dialogical and participatory research. Drawing on a collaborative research project in Indonesia, the text illustrates his approach to coping, resilience, and intercultural collaboration. The article demonstrates how Zaumseil’s critical and context-sensitive perspective fosters a responsible psychology attuned to contemporary global challenges.


Keywords: Cultural Psychology, Coping, Resilience, Community Psychology, Intercultural Research, Participatory Methodology

 

Über viele Jahrzehnte hinweg prägte Manfred Zaumseil die theoretischen und methodischen Entwicklungen einer Psychologie, die kulturelle Kontexte nicht nur berücksichtigt, sondern als konstitutive Dimension des menschlichen Handelns und Erlebens versteht. In seinen Arbeiten verband er kulturtheoretische Perspektiven mit gemeindepsychologischer Theorie- und Praxisorientierung und interkultureller Forschungspraxis. Damit schuf er ein wissenschaftliches Werk, das interdisziplinär anschlussfähig ist und gerade im Kontext globaler Krisen – von Naturkatastrophen bis hin zu gesellschaftlichen Fragmentierungen – neue Aktualität gewinnt.

Ich lernte Manfred Zaumseil im Rahmen eines deutsch-indonesischen Forschungsprojekts kennen – und für mich war dies weit mehr als eine wissenschaftliche Zusammenarbeit. Manfred wurde für mich zu einem kritischen Wegbegleiter, einem inspirierenden Lehrer und einem zutiefst zugewandten Menschen, der Wissenschaft als Beziehung verstand. Dieser Beitrag ist daher kein klassisches akademisches Würdigungsschreiben, sondern ein persönliches Erinnern an unsere gemeinsame Zeit in Java. Es ist ein Versuch, sein Denken, aber auch seine Haltung aus meiner eigenen Erfahrung heraus lebendig werden zu lassen. Die Forschungspartnerschaft, die unter seiner Leitung entstand, verkörperte sein grundlegendes wissenschaftliches Selbstverständnis: Forschung ist Dialog – kein einseitiges Sammeln von Daten. Im Zentrum stand ein mehrjähriges Projekt zu Coping- und Resilienzprozessen im Kontext von Naturkatastrophen in Indonesien. Dieses entstand in Kooperation mit Wissenschaftler*innen der Gadjah Mada University (Yogyakarta) und untersuchte die psychosozialen Bewältigungsformen nach einem schweren Erdbeben von 2006 in Zentraljava. Eingebettet war das Projekt in ein interdisziplinäres, von der Thyssen Stiftung gefördertes Forschungsprogramm, das sozialwissenschaftliche und kulturpsychologische Perspektiven integrierte.

 

Kulturpsychologie als kritisches Projekt

Zaumseils wissenschaftliche Positionierung war eng mit einer kulturpsychologischen Grundhaltung verbunden, wie sie sich unter anderem in der Tradition von Bruner (1993), Cole (1998) und Ratner (2006) entwickelte. Kulturpsychologie, wie er sie verstand, ist keine Zusatzdisziplin der Psychologie, sondern ein grundlegender Perspektivwechsel: Sie betrachtet kulturelle Praktiken, Bedeutungszuschreibungen, Lebenskontexte und soziale Verflechtungen nicht als äußere Einflüsse auf das Individuum, sondern als konstitutive Bestandteile psychischer Prozesse. Damit ist Kultur nicht Hintergrund, sondern aktiver Mitgestalter psychologischer Realitäten. Kultur ist nicht etwas, das zu psychischen Prozessen hinzutritt – sie ist ihr Möglichkeitsraum (Zaumseil, 2007).

Diese Sichtweise ist eng verbunden mit einer dialogischen, konstruktivistischen Erkenntnistheorie, wie sie in der kulturhistorischen Schule (Vygotsky, 1986), im interpretativen Paradigma sowie im cultural turn der Sozialwissenschaften verankert ist. Für Zaumseil bedeutete das konkret: Psychologie kann nur dann ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden, wenn sie sich mit Macht, Geschichte, Sprache und Kontext auseinandersetzt – und dies nicht nur analytisch, sondern auch praktisch.

Psychisches Geschehen ist demnach immer in kulturelle Bedeutungsräume eingebettet. Phänomene wie Subjektivität, Coping oder kollektive Praxis sind nicht losgelöst von ihren sozialen, historischen und insbesondere machtförmigen Bedingungen zu begreifen. Zaumseil verband mit seinem kulturpsychologischen Ansatz explizit eine kritische Perspektive auf gesellschaftliche Strukturen, die individuelle Entwicklung beeinflussen und begrenzen. Dabei kritisierte er psychologische Theorien, die soziale Ungleichheit und kulturelle Hegemonie ausblenden oder naturalisieren.

In diesem Sinne forderte er eine konsequente Abkehr von universalistischen Prämissen zugunsten eines kontextsensiblen, konstruktivistischen Verständnisses, das soziale Wirklichkeit nicht nur beschreibt, sondern auch in ihren asymmetrischen Machtverhältnissen reflektiert. Psychologie kann nicht außerhalb der Welt stehen, die sie zu erklären versucht – sie ist immer Teil der kulturellen Wirklichkeit, die sie beschreibt.

Diese kulturpsychologische Orientierung ging für ihn mit einer methodologischen und erkenntnistheoretischen Offenheit einher. Insbesondere betonte er die Bedeutung des interdisziplinären Austausches mit anderen Geistes- und Sozialwissenschaften. Anthropologische, soziologische und philosophische Impulse betrachtete er nicht als Zusatz, sondern als notwendige Grundlage einer Psychologie, die kulturelle Wirklichkeit in ihrer gesellschaftlichen Komplexität und politischen Dimension ernst nimmt. Seine Haltung lässt sich in Teilen auch mit Bourdieus (1987) Konzept des Habitus und sozialer Felder in Verbindung bringen, das den Zusammenhang zwischen sozialer Positionierung und psychischer Struktur beleuchtet.

In seinen Arbeiten plädierte Zaumseil für eine kulturpsychologische Grundlagenforschung, die konzeptuell tief verankert und zugleich empirisch fundiert ist. Ein zentrales Anliegen war ihm dabei die kritische Auseinandersetzung mit dem Spannungsverhältnis zwischen emischer (kontextinterner) und etischer (kulturübergreifender) Perspektive (vgl. Zaumseil et al., 2014). Diese Auseinandersetzung verstand er auch als Beitrag zu einer gesellschaftlich verantwortlichen Psychologie, die sich gegen epistemische Dominanzstellungen stellt – eine Perspektive, die auch in postkolonialen Denkansätzen wie denen von Spivak (1988) oder Said (1978) anklingt. Kulturelle Vielfalt wird hier nicht nur beschrieben, sondern als Ausdruck historisch gewachsener Ungleichheiten und sozialer Kämpfe verstanden.

Ziel war es, Entwicklungsimpulse in Richtung einer Psychologie zu setzen, die sich weder in partikularistischem Kulturrelativismus verliert noch in unreflektierten Generalisierungen aufgeht – sondern die kulturellen, gesellschaftlichen und machtbezogenen Kontexte gleichermaßen berücksichtigt.

 

Coping im kulturellen Kontext

Ein besonderer Schwerpunkt in Zaumseils Forschung, wie ich sie erlebt habe, war die Auseinandersetzung mit Coping-Prozessen in Krisensituationen. In seinem Werk Cultural Psychology of Coping with Disasters (Zaumseil et al., 2014) entwickelte er ein theoretisches Modell, das individuelles und kollektives Coping als kulturell gerahmte Praktik versteht. Dabei griff er auf Konzepte wie soziokulturell eingebettete Resilienz, gemeinschaftliche Sinnstiftung und spirituelle Narrative zurück, um zu zeigen, wie Menschen nicht nur psychologisch, sondern auch kulturell auf Katastrophen reagieren.

Seine empirischen Untersuchungen in Indonesien – etwa nach dem Erdbeben in Yogyakarta – machten deutlich, dass Bewältigung nicht primär ein individuelles, intrapsychisches Phänomen ist, sondern durch gemeinschaftliche Diskurse, religiöse Deutungen und soziale Praktiken strukturiert wird. In Abgrenzung zu westlich geprägten Coping-Modellen (z. B. Lazarus & Folkman, 1984), die stark auf individuelles Problemlösen fokussieren, plädierte Zaumseil für eine kulturpsychologisch erweiterte Konzeption, die kulturelle Skripte, lokale Wissensformen und gemeinschaftliches Handeln berücksichtigt. Insofern verstand er Coping nicht nur als eine Frage kognitiver Bewertung, sondern eingebettet in kulturell geteilte Deutungsrahmen, soziale Normen und narrative Strukturen. Er konzipierte Coping als sozial-kulturellen Prozess, in dem Sinnstiftung eine zentrale Rolle spielt: Bewältigung beginnt dort, wo Bedeutung erzeugt wird – nicht erst, wo das Problem gelöst ist.

Zugleich wies er darauf hin, dass kulturelle Narrative sowohl stabilisierend als auch problematisch sein können. Tradierte Deutungsmuster können Resilienz fördern – sie können aber auch Hilflosigkeit naturalisieren, wenn sie soziale Ursachen unsichtbar machen. Diese Ambivalenz führte zu seinem Plädoyer für eine differenzierte, empirisch dichte Erhebung kultureller Coping-Formen – etwa durch rekonstruktive Analyse narrativer Interviews. Wenn Zaumseil betont, dass psychische Bewältigung nicht losgelöst vom sozialen Kontext zu verstehen ist, dann geht es eben auch um Ressourcenverteilungen und Machtverhältnisse, die expliziert werden müssen.

 

Gemeindepsychologie als Handlungsfeld

Zaumseils Arbeit war von einem gemeindepsychologischen Ethos getragen. Er verstand Community nicht nur als analytische Kategorie jenseits des Individuums, sondern als sozial-psychologischen Möglichkeitsraum für Partizipation, Selbstorganisation und Resilienz. Seine Forschung war orientiert an der Förderung von Empowerment, der Anerkennung lokaler Handlungskompetenz und der Reflexion von Machtverhältnissen im Forschungskontext selbst.

In Anlehnung an Konzepte wie Community Resilience, kollektives Coping (Norris et al., 2008) und kulturelle Vermittlung psychologischer Prozesse (Valsiner, 2007) analysierte Zaumseil die Rolle von Communities in Kontexten nach Katastrophen. Er erkannte, dass der Wiederaufbau nicht nur physischer, sondern auch symbolischer und sozialer Natur ist – und dass Psychologie hier nicht nur beobachten, sondern auch unterstützend begleiten sollte.

Für Zaumseil war Community ein psychologischer Möglichkeitsraum, in dem kollektive Handlungsmacht entstehen kann. Communities sind nicht nur soziale Aggregate – sie sind Räume für Anerkennung, Identität und geteiltes Handeln. Gemeindepsychologie bedeutete für ihn nicht primär Intervention, sondern auch kritische Reflexion bestehender Machtverhältnisse. Häufig stellte er in unserem gemeinsamen Forschungsprojekt auf Java die Frage: Wer definiert die Probleme? Wer spricht für wen? Entsprechend formulierte er das Ziel gemeindepsychologischer Arbeit als Förderung von sozialer Handlungsfähigkeit durch kulturell anschlussfähige Formen der Partizipation.

 

Interkulturelle Forschungspraxis im Indonesien-Projekt

Zaumseil verfolgte einen methodisch innovativen und ethisch reflektierten Ansatz. Die Forschung war geprägt durch eine emisch orientierte Methodologie, die narrative Interviews, teilnehmende Beobachtung, Gruppendiskussionen und visuelle Methoden umfasste. Ziel war es, lokale Deutungsmuster, kulturelle Ressourcen und kollektive Praktiken nicht von außen zu klassifizieren, sondern aus der Binnenperspektive der Betroffenen zu rekonstruieren.

Besonderes Augenmerk lag auf religiösen und spirituellen Deutungsformen, die in vielen Communities als zentrales Coping-Element fungierten. Das Erdbeben wurde in kollektiven Narrativen nicht nur als Naturereignis wahrgenommen, sondern häufig als moralisch aufgeladene Botschaft – als „Ermahnung Gottes“, Zeichen sozialer Ungleichgewichte oder Ausdruck einer gestörten Beziehung zwischen Mensch und Natur. Diese Deutungen waren eng verbunden mit ritualisierten Praktiken, gemeinschaftlichem Gedenken und einem symbolisch aufgeladenen Wiederaufbauprozess.

Ein zentrales Ergebnis zeigte, dass kollektives Coping häufig auf sozial geteilter Wissensvermittlung, narrativer Strukturierung und gemeinschaftlicher Handlungspraxis basiert. Resilienz manifestierte sich weniger in individueller Stärke, sondern vielmehr in der Fähigkeit von Gemeinschaften, soziale Kohäsion herzustellen, symbolische Bedeutung zu stiften und praktische Unterstützung zu organisieren. Diese Einsichten trugen wesentlich dazu bei, den Resilienzbegriff kulturpsychologisch zu differenzieren und über westliche Individualnormen hinauszudenken.

Manfred Zaumseils Rolle im Projekt ging über die eines klassischen Wissenschaftlers hinaus: Er war Brückenbauer zwischen Disziplinen und Kulturen, förderte den gleichberechtigten Austausch zwischen deutschen und indonesischen Forscher*innen und setzte sich für eine partizipative Datenauswertung ein. Seine Fähigkeit, kulturelle Differenz als Ressource für Erkenntnis zu begreifen, prägte das gesamte Projekt, das auf langfristiger Zusammenarbeit und gegenseitigem Vertrauen basierte. Gemeinsam entstand die Publikation Cultural Psychology of Coping with Disasters (Zaumseil et al., 2014).

Dieses Indonesien-Projekt steht damit nicht nur exemplarisch für gelungene interkulturelle Forschung, sondern auch für ein wissenschaftliches Ethos, das auf Dialog, Respekt und Verantwortung gründet. Es zeigt, wie kulturpsychologisch gegründete Gemeindepsychologie zur Bewältigung globaler Herausforderungen beitragen kann – nicht mit Universalrezepten, sondern durch das ernsthafte Anerkennen kultureller Komplexität.

Zaumseils epistemologische Haltung wird dabei besonders in seiner Forderung nach Ko-Konstruktion von Wissen deutlich: Für ihn begann Forschung mit der Bereitschaft, sich irritieren zu lassen – und endete idealerweise in einer geteilten Theorie. Zugleich warnte er vor der Gefahr einer kulturellen Überformung durch westliche Konzepte wie Trauma, Bewältigung oder Stress, die in anderen Kontexten fremd oder gar sinnlos erscheinen können.

In vier analytischen Dimensionen – Materialität, Soziales, Lebensführung und Religiosität – wird aufgezeigt, wie komplex, alltagsnah und kollektiv Coping in Kontexten nach einer Katastrophe verlaufen kann. Diese Kategorien sind nicht einfach empirische Cluster, sondern Ausdruck einer Theorie des Verstehens, die psychische Dynamiken in ihrer kulturellen Eingebundenheit ernst nimmt.

Diese theoretischen Impulse sind für mich als Psychologin hoch aktuell angesichts globaler Krisen wie Klimawandel, Migrationsbewegungen oder der COVID-19-Pandemie, die eindrücklich zeigen, wie sehr Bewältigung und Resilienz an soziale Ungleichheiten, kulturelle Ressourcen und politische Machtverhältnisse gebunden sind. Zaumseil erinnerte daran, dass psychosoziale Unterstützung ohne kulturelle Sensibilität und ohne Einbindung der Betroffenen Gefahr läuft, koloniale Muster zu reproduzieren.

Sein Werk greift zentrale Anliegen der Gemeindepsychologie auf: die Kontextualität psychischer Prozesse, die Bedeutung kollektiver Ressourcen sowie die Partizipation der Betroffenen an der Gestaltung von Forschung und Intervention.

Manfred Zaumseils Werk steht für eine grundlagenorientierte, interdisziplinär anschlussfähige und ethisch reflektierte Kulturpsychologie, die zugleich in der Praxis verankert ist. Gerade angesichts globaler Krisen ist sein Plädoyer für eine Psychologie der geteilten Verantwortung und der kulturellen Kontextualisierung aktueller denn je. Er forderte dazu auf, psychologische Konzepte kritisch zu hinterfragen, kulturelle Differenz nicht zu pathologisieren, sondern produktiv zu verstehen, und Wissenschaft als gemeinsame Suche nach Bedeutung zu begreifen.

 

Methodologische Konsequenz: Forschung als Beziehung

Zaumseils kulturpsychologisches Verständnis hatte tiefgreifende methodologische Implikationen: Es forderte eine Abkehr von standardisierten, vermeintlich objektiven Erhebungsverfahren hin zu dialogischen, kontextbezogenen und reflexiven Forschungsmethoden. In seinen Arbeiten wurde deutlich, dass Forschung für ihn nicht nur ein Erkenntnisprozess, sondern auch ein Beziehungsprozess war.

Die Forschung sollte nicht über Menschen hinweg durchgeführt werden, sondern mit ihnen. Partizipation, Transparenz und langfristige Beziehungspflege waren für ihn zentrale Kriterien guter Forschung. Dies bedeutete zugleich, dass Forschende sich ihrer eigenen Position, ihrer kulturellen Prägungen und ihrer Verantwortung bewusst sein mussten.

In unzähligen Gesprächen, Workshops, gemeinsamen Ausflügen und Essensverabredungen sprachen wir nicht nur über Forschung – wir hinterfragten uns selbst. Immer wieder lud uns Manfred dazu ein, die eigene Perspektive zu verlassen, Abstand zu gewinnen und aus einer Art „Vogelperspektive“ auf unsere kulturellen und biografischen Prägungen zu blicken. Er forderte uns auf, Forschungstagebücher zu führen – nicht als technisches Protokoll, sondern als Raum für Reflexion: Was sehen wir? Wie werden wir gesehen? Was sagen unsere Gesprächspartner*innen aus den vom Erdbeben betroffenen Dörfern über uns – und was sagt das über unser eigenes Forschen aus?

Diese Auseinandersetzung war intensiv, manchmal auch unbequem, aber immer lehrreich. Gemeinsam mit den Dorfbewohner*innen realisierten wir ein Fotoprojekt. Der Höhepunkt war eine Abschlussveranstaltung in den Dörfern, die nicht nur einen formellen Schlusspunkt setzte, sondern auch Ausdruck einer echten Verbindung war – zwischen Forschung und Leben, zwischen Wissenschaft und Beziehung, zwischen uns und den Menschen, mit denen wir gearbeitet haben.

Die kulturpsychologische Perspektive verlangt eine Dekonstruktion wissenschaftlicher Begriffe und Denkstile, die implizit westlich-universelle Normen transportieren. Zaumseil hinterfragte etwa die Anwendung von Diagnosen wie Posttraumatische Belastungsstörung im postkolonialen Kontext Südostasiens kritisch und zeigte, wie lokale Deutungen von Leiden, Heilung und Gemeinschaft jenseits klinischer Kategorien verstehbar werden – etwa durch die Einbindung religiöser Praktiken, familiärer Netzwerke und kollektiver Rituale.

Zaumseils kulturpsychologische Perspektive war stets auch politisch: Sie stellte sich gegen ein individualistisches, von neoliberalen Normen geprägtes Menschenbild, das Leid und Verantwortung auf das Subjekt zurückführt. Stattdessen plädierte er für ein Verständnis von psychischer Gesundheit als kollektive, kulturell eingebettete und strukturell geformte Praxis.

Diese Haltung hat auch heute für mich, und wie ich meine für die Gemeindepsychologie, hohe Relevanz: Inmitten globaler Ungleichheiten, zunehmender Klimakrisen, Migration und Kriegsgeschehen fordert eine kulturpsychologische Gemeindepsychologie dazu auf, psychologische Unterstützung nicht als technischen Import, sondern als ko-produzierten, kontextsensiblen Prozess zu begreifen. Zaumseils Werk ist dafür ein bleibender Kompass – forschend, politisch und menschlich zugleich.

Manfred Zaumseil hat mit seinem interdisziplinären, partizipativen und kulturpsychologischen Zugang die Gemeindepsychologie nachhaltig geprägt. Seine Beiträge zur Katastrophenforschung, seine Kritik an westlich-hegemonialem Wissensverständnis und seine ethisch reflektierte Haltung bleiben für viele von uns wegweisend. Was ihn darüber hinaus besonders machte, war die Verbindung von politischer Klarheit mit einer tiefen menschlichen Zugewandtheit. Für mich – und sicherlich für viele andere – ist sein Werk nicht nur ein wissenschaftlicher Referenzpunkt, sondern auch ein persönlicher Anstoß zum Weiterdenken, zum Hinhören und zum solidarischen Handeln.

 

Literatur

Bourdieu, P. (1987). Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bruner, J. S. (1993). Acts of Meaning. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Cole, M. (1998). Cultural Psychology: A Once and Future Discipline. Cambridge, MA: Harvard University Press.

Lazarus, R. S. & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal, and coping. Springer.

Norris, F. H., Stevens, S. P., Pfefferbaum, B., Wyche, K. F., & Pfefferbaum, R. L. (2008). Community resilience as a metaphor, theory, set of capacities, and strategy for disaster readiness. American Journal of Community Psychology, 41(1–2), 127–150.

Ratner, C. (2006). Cultural Psychology: A Perspective on Psychological Functioning and Social Reform. Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum.

Said, E. W. (1978). Orientalism. New York: Pantheon Books.

Spivak, G. C. (1988). Can the Subaltern Speak? In C. Nelson & L. Grossberg (Hrsg.), Marxism and the Interpretation of Culture (S. 271–313). Urbana: University of Illinois Press.

Valsiner, J. (2007). Culture in minds and societies: Foundations of cultural psychology. SAGE.

Vygotskij, L. S. (1986). Thought and Language. Cambridge, MA: MIT Press.

Zaumseil, M. (2007). Qualitative Sozialforschung in Klinischer Kulturpsychologie. Psychotherapie und Sozialwissenschaft 2007, 9(2), 99–116.

Zaumseil, M., Schwarz, S., von Vacano, M., Sullivan, G. B. & Prawitasari-Hadiyono, J. E. (2014). Cultural Psychology of Coping with Disasters: The Case of an Earthquake in Java, Indonesia. New York: Springer.

 

Autorin

Silke Schwarz

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Dr. phil., Dipl. Psych., arbeitete in dem Forschungsprojekt zum Erdbeben auf Java, Indonesien, als wissenschaftliche Mitarbeiterin und ist aktuell niedergelassene Psychologische Psychotherapeutin, ehemals wissenschaftliche Referentin bei S.I.G.N.A.L. e.V. und Vorstandstätigkeit beim Arbeitskreis Frauengesundheit e.V.



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