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Ende der Moderne - Ende der Zeiten? Individuelle und gesellschaftliche Formen des Umgangs mit temporalen Verwerfungen

Andreas Lange1
[Forum Gemeindepsychologie, Jg. 20 (2015), Ausgabe 2]

Zusammenfassung

Der Artikel befasst sich mit Aspekten der Zeit in der späten Moderne, die über das Thema Beschleunigung hinausreichen. Einführend werden ausgewählte aktuelle Kritikpunkte an den zeitlichen Strukturen der Gesellschaft referiert. Anschließend geht es darum, die Fähigkeit zu sogenannten mentalen Zeitreisen in der individuellen Zukunft als ein wichtiges anthropologisches Faktum darzustellen, das die Grundlage für eine reflexive Auseinandersetzung mit Zeit bildet. Ein historischer Abriss erinnert dann daran, dass eine allgemein geteilte gesellschaftliche Zukunftsperspektive historisch betrachtet eine relativ junge Errungenschaft darstellt. Sie und die damit verbundene Planungseuphorie hatten ihren Höhepunkt in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. "Postmoderne" und "Posthistoire" sowie das Diktum vom "Ende der Geschichte" sind demgegenüber Konzepte, welche die Erschütterungen des Zukunftskonzeptes auf der kollektiven Ebene anzeigen. Ebenso dokumentieren viele Untersuchungen aus beruflichen Handlungsfeldern und dem Privatleben, dass Individuen mehr oder weniger unter Zeitnöten unterschiedlicher Art leiden. Die dadurch vermutete Eintrübung der individuellen Zeitperspektiven kann anhand neuerer empirischer Befunde allerdings nicht generell belegt werden. Man kann von einer differenziellen Betroffenheit sowie Bewältigung von zeitlichen Phänomenen sprechen. Abschließend sollen vor dieser Folie Implikationen für die Praxis angedeutet werden.

Schlüsselwörter: Zeit, späte Moderne, Zukunftsperspektive, Zeitpolitik

Summary

"End of Modernity - end of times? Individual und societal forms of coping with temporal warpings"

The article discusses aspects of temporality in times of late modernity beyond the popular concept of acceleration. Starting with some recent examples of critics of the temporal condition of postmodernity, ontogenetic foundations of reflecting time are reported. Historical research then shows that a common future perspective for whole societies has its roots in early modernity and culminated in the 1960s. Concepts like "postmodernity" are signs of a decline of the societal confidence in future time, whereas on the individual level the future time perspectives are not as negative as could be expected. The article ends with giving an outlook on practical implications of the new conditions of time.

Keywords: time, late modernity, future time perspective, time policy

"Zeiten" in der späten Moderne: Krisenhaft und viel diskutiert

"Die" Zeit ist unsicher und zum vielstimmig kommentierten Thema geworden. Notwendig zur Analyse ist dabei die Einsicht, dass Zeit eine menschliche Konstruktion ist. Das Reden über die Zeit und insbesondere die Beschleunigung gehört mittlerweile zum festen Bestandteil des Diskurses über die Gesellschaft. Seminare zur besseren individuellen Zeitgestaltung erfreuen sich großer Beliebtheit, aber auch das Konzept der Zeitpolitik hat die engen Grenzen der Fachdiskussionen verlassen und ist in Gestalt der letzten beiden Familienberichte zu einem öffentlichen Schlagwort geworden. Der Spiegel widmete seine Titelstory unter Rekurs auf den sozialwissenschaftlichen Beschleunigungsdiskurs dem Stichwort Eile und Beschleunigung. Dass der Prozess des Lernens zwischen den Generationen neuen Prämissen folgt, dergestalt, dass auch die jüngeren Generationen aufgrund des raschen Wandels den älteren Generationen in den Bereichen Mode und Lebensstile etwas beibringen, gehört mittlerweile ebenso zu den Standardargumenten des Redens über neue Zeiten. Dieses Reden trägt über weite Strecken apokalyptische Züge, wie der Zukunftsforscher Horx (2014) jüngst sehr treffend festgestellt hat. Untergangsnarrative haben scheinbar ihren eigenen Reiz. Katastrophenszenarien haben in ihren ästhetisierenden wie wissenschaftlichen Formen Konjunktur, was die Literaturwissenschaftlerin Horn (2014) eindrucksvoll aufzeigt.

Eine ebenso vielgestaltige wie originelle Zeitdiagnose hat Crary (2014) vorgelegt. In seiner Schrift "Schlaflos im Kapitalismus" spannt er einen weiten Bogen. Dieser reicht von Versuchen der amerikanischen Armee, aufgrund von Beobachtungen an bestimmten Vogelarten, die ungewöhnlich lange Zeit wach bleiben, die Aufmerksamkeitszeit ihrer Soldatinnen zu optimieren, hin zu subtilen Thesen der Durchsetzung einer neuen Form der sozialen Zeit, besser eines Endes der Zeit. Es sei eine Zeit, die nicht mehr vergeht, eine statische Redundanz, die kein Verhältnis mehr zu den Rhythmen des Lebens braucht: "Er beschwört das künstliche, eintönige Bild einer 7-Tage-Woche im 24-Stunden-Takt, das die Entfaltung vielfältigen oder kumulativen Erlebens verhindert." (Crary, 2014, S. 15).

Zwar werde die 24/7-Gesellschaft schon seit geraumer Zeit eingerichtet, aber erst heute werde der Mensch mit allen seinen "Bestandteilen" an diese neue temporale Ökologie angepasst. Auch gegenüber der metrischen Zeit der Moderne wird eine neue Qualität erreicht: "Das Neue ist die radikale Preisgabe jedweden Anspruchs, Zeit mit langfristigen Unternehmungen oder auch nur mit Vorstellungen von ‚Fortschritt‘ oder Entwicklung zu verbinden. Eine strahlende 24/7-Welt, die keinen Schatten wirft, ist die kapitalistische Endzeitvision eines Posthistoire, einer Austreibung der Alterität als dem Motor geschichtlichen Wandels." (ebd., S. 15). 24/7 beseitigt so gesehen auch den Wert der Pause und der Veränderlichkeit. Ausgelöscht wird die periodische Zeit. "Das Wochenende ist das moderne Relikt dieser alten Systeme, doch löst sich selbst diese zeitliche Differenzierung in der Gleichförmigkeit des Rund-um-die-Uhr-Betriebs auf." (ebd., S. 31). Der Kulturphilosoph Konersmann (2015) identifiziert diese Einschätzung bekräftigend eine langfristige Entwicklung der kulturellen Wertschätzung: weg von der Ruhe als Bedingung des menschlichen Glücks hin zum Motiv der Unruhe als nicht mehr hinterfragte Bedingung jeglicher Lebensäußerung.

Eine weitere aktuelle Stimme zur Lage der Zeit in spätkapitalistischen Gesellschaften stammt von dem Medientheoretiker Rushkoff (2014). Dieser konstatiert aufgrund der Medienentwicklungen einen "Gegenwartsschock". Damit spielt er an Tofflers (1970) viel diskutiertes Buch "Zukunftsschock" an. In diesem vertrat Toffler die These, dass der soziale Wandel so schnell geworden sei, dass der Einzelne überfordert und insbesondere dadurch desorientiert werde. Eine Dimension des neuen, des "Gegenwartschocks" ist u.a. der "narrative Kollaps", welcher sich in der Kultur als das schrittweise Unwichtigerwerden großer, sequentiell sich entfaltender Erzählungen niederschlägt. Warum soll uns das stören? Erzählungen als gleichsam universelle Form der Organisation von Erfahrungen (Koschorke, 2013) erlauben es uns, Szenarien und Kontexte zu generieren, also Sinn zu schaffen. Sie werden nun, so Rushkoff (2014) tendenziell verdrängt durch Endlosschleifen von Zitaten, die sich zumeist auf die Medien selbst beziehen. "Mit ihrem postmodernen Feuerwerk greifen Serien wie Community oder die Simpsons jene Institutionen an, die in erster Linie für den Missbrauch narrativer Formen verantwortlich sind. Werbung, Regierung, Religionen, kommerzialisierte Kunst und sogar andere Serien. Sie entfalten ihre Wirkung nicht, indem sie lineare Geschichten erzählen .... Anfang, Mitte und Ende sind hier bedeutungslos. Was zählt, ist, dass in jedem einzelnen Moment neue Verbindungen hergestellt oder verlogene Geschichten bloßgestellt oder rekontextualisiert werden können." (Rushkoff, 2014, S. 37).

Eine weitere Facette der Zeit in der späten Moderne reißen Knell (2015) und Kreuels (2015) aus einer philosophischen Perspektive kommend auf: Sie reflektieren die aktuellen Tendenzen der Verlängerung der Lebenszeit gedankenexperimentell und fragen nach den möglichen Effekten eines Lebens, das beispielweise zweihundert Jahre dauert. Fragen, die sich dann stellen: Ist es überhaupt anstrebenswert, so lange zu leben? Wird das Leben nicht automatisch langweilig? Wie wirken sich dann ohnehin schon bestehende Ungleichheiten aus?

Schon diese wenigen ausgewählten Einschätzungen der temporalen Landschaften verdeutlichen, dass soziale und kulturelle Zeiten in ihrer ganzen Vielfalt und teilweise Widersprüchlichkeit, über die populäre Formel der Beschleunigung hinaus, ein wichtiges Thema der kulturellen Selbstbeobachtung geworden sind. Gleichzeitig verweisen diese Beispiele darauf, dass man an vielen Orten der Gesellschaft das Gefühl hat, dass die Zeiten selbst und der Umgang mit ihnen krisenhaft geworden sind.

Bevor man sich mit diesen Tendenzen inhaltlich näher auseinandersetzt, sollte man die wissenschaftstheoretischen Grundlagen einer solchen Beschäftigung deutlich machen. Es geht um eine Distanzierung von der dominanten Vorstellung einer natürlichen, automatisch ablaufenden, linear in die Zukunft reichenden Zeit. Hengsbach (2012, S. 122) hat eine nützliche und kompakte Synthese eines solchen konstruktivistischen Zugriffs erstellt, der prominent von Elias (1984) vorbereitet worden ist und u.a. folgende Elemente umfasst: Bei Zeit geht es um ein intersubjektiv vermitteltes Handeln; um gesellschaftliche Verständigungsprozesse über Zeitpunkt und Zeitdauer aufeinander abgestimmter Handlungsfolgen. Die Initiierung dieser Verständigungs- und daran angeschlossener Koordinationsprozesse wurzeln in der Umwelt, in der Gesellschaft und dem Individuum. Zu ergänzen ist dabei aus einer soziologischen Sichtweise, dass die von den Menschen geschaffenen temporalen Produkte, seien es Uhren oder Kalender, nicht selten dazu beitragen, dass Zeit verdinglicht wird, also dem Eindruck gefolgt wird, als ob "die Zeit" eine von den Menschen unabhängige Entität darstellt.

Analog dazu kann es in einer durch und durch mediatisierten Gesellschaft (Hepp, 2011) sein, dass Zeitdiagnosen, wie die oben kurz entfalteten, sich verselbständigen und die so diagnostizierten Sachverhalte über eine massenhafte Rezeption "wirken". Salopp formuliert: Alle sagen, dass man in einer Beschleunigungsgesellschaft lebt, also passe ich meine Wahrnehmung dieser Diagnose an. Die Einsicht in die gleichzeitig intentionale und transintentionale Konstruktion der Vielfalt von Zeiten durch Individuen, Gruppen und Gesellschaften (Jäckel, 2012) bewahrt vor einem solchen Denken, das Automatismen und Sachzwängen aufsitzt.

Im weiteren Verlauf der Argumentation wird zuerst gezeigt, dass die wahrgenommene Krisenhaftigkeit der von Menschen mitgemachten Zeiten vor der Folie der modernen Formen des Zeitverständnisses, inklusive ihrer biologisch-anthropologischen Grundlagen, sinnvoll diskutiert werden kann. Dann geht es um eine genauere Analyse der dominierenden Figuren des veränderten Wahrnehmens von und Handelns in der Zeit am Beispiel der Zukunftsvorstellungen. Diese werden sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene genauer unter die Lupe genommen, wobei auch auf lebensphasenspezifische Akzente eingegangen wird. Die Bedeutung für das professionelle Handeln wird bespielhaft für das Thema Bildung und das Setting Kommune abschließend angedeutet.

Mentale Zeitreisen als anthropologische Ausgangsvoraussetzung

Suddendorf (2014) untersucht in seinem breit rezipierten Werk "Der Unterschied. Was den Mensch zum Menschen macht" eine Fülle von Einzelfertigkeiten, die erklären sollen, was den Menschen "wirklich" von den nächsten Verwandten abhebt. Es ist dies einerseits die Fähigkeit, Vorstellungen von zukünftigen Situationen auszubilden und diese dann andererseits sprachlich mit anderen zu teilen und zu reflektieren.

Der Autor führt Beispiele vor, welche die Relevanz der Fähigkeit veranschaulichen, diese so genannten mentalen Zeitreisen durchführen zu können. Das kann durchaus dilemmatische und schmerzvolle Aspekte beinhalten, wenn es beispielsweise Kindern bewusst wird, dass ihre Eltern und sie selbst einmal sterben müssen. Hintergrund für die mentalen Zeitreisen sind die unterschiedlichen Gedächtnissysteme, auf die wir zugreifen können. Das sogenannte episodische Gedächtnis besteht darin, vergangene Erlebnisse zu memorieren. "Wenn wir episodische Erinnerungen in uns wachrufen, reisen wir mental in die Vergangenheit zu den Wahrnehmungen, Handlungen, Gefühlen und Gedanken einer vergangenen Epoche unseres Lebens zurück und erfreuen uns an den einstigen Erfolgen oder bedauern unsere Fehlschläge..." (Suddendorf, 2014, S. 127). Bei bestimmten Formen der Amnesie ist dieses System gestört, man ist dann in einer Art "Zeitblase" gefangen. Allerdings ist das episodische Gedächtnis keineswegs eine exakte Widerspiegelung, sondern vielmehr ein "unsicherer Kantonist", denn es ist weder umfassend noch verlässlich. Man kann kaum rememorieren, was man am Geburtstag vor drei Tagen getan hat. Ebenso weiß man so gut wie nichts mehr über einzelne Schulstunden. Erinnert man sich dann tatsächlich an einzelne Episoden, dann sind das keine 1:1-Abbildungen, sondern Rekonstruktionen: "Vielleicht schmücken wir es aus, um eine bessere Geschichte zu haben, oder wir korrigieren unsere Rekonstruktion, damit sie besser zu unserer gegenwärtigen Haltung passt. Zu noch stärkeren Verzerrungen kann es kommen, wenn etwas wiederholt erinnert und geschildert wird" (Suddendorf, 2014, S. 129). Das ist der Hintergrund für die Entwicklung externer Gedächtnissysteme. Evolutionstheoretisch gesehen kann die Fehlerhaftigkeit nur dadurch erklärt werden, dass durch diese manchmal ein Anpassungsgewinn resultiert - und zwar in der Zukunft. "Unser episodisches Gedächtnis ist nicht darauf beschränkt, in die Vergangenheit zurückzureisen. Eine Form des "Vorwärtsreisens" ist die einfache Projektion von Vergangenem in die Zukunft. Die beste Vorhersage lässt sich im Allgemeinen aus der Vergangenheit ableiten." (ebd., S. 131). Überdies können wir weit mehr, als Aussagen über wiederkehrende Sachverhalte treffen - man kann auch Szenarien zu Aspekten ausmalen, die man noch nie selbst erfahren hat. "Und wenn mentale Zeitreisen zu diesem Zweck entstanden sind, dann müssen wir für unsere Flexibilität auch den Preis zahlen, dass wir bei der Rekonstruktion vergangener Ereignisse gelegentlich Kreativität walten lassen, anstatt uns getreu an die Fakten zu halten - was einige typische Fehler und Verzerrungen des episodischen Gedächtnisses erklärt." (ebd., S. 132).

Der Vorteil liegt aber klar auf der Hand: "Mentale Zeitreisen haben unserer Spezies ganz neue Möglichkeiten eröffnet, denn mit ihrer Hilfe können wir Pläne entwerfen und Entscheidungen treffen, die unsere Chancen zu überleben und uns zu reproduzieren als Spezies in hohem Maße steigern" (ebd., S. 133). Schon alleine die Einsicht, dass die Zukunft schwer vorauszusehen ist, kann eine wichtige Erkenntnis vermitteln: Man muss sich auf Möglichkeiten vorab einstellen. Als Beispiel führt der Autor an, man müsse nur in die Taschen der Menschen schauen: Das meiste ist dort, weil man dabei für Eventualitäten gerüstet sein will (ebd., S. 134).

Menschen unterscheiden sich in den Gebieten, in denen sie es zu Expertise bringen - aber ein Großteil der Expertise besteht darin, die Zeit auf unterschiedliche Tätigkeiten und Zielsetzungen aufzuteilen. Die Abwägung von kurz-, länger- und mittelfristigen Interessen gehört zu den elementaren Anforderungen des modernen Menschseins. Die kulturelle Ausformung dieser elementaren Kompetenzen bedarf allerdings einer Gesellschaft, welche die Zukunft als offenen Optionsraum auffasst. Und diese Sichtweise ist historisch gesehen eine eher junge Erfindung.

Die Entstehung der Zukunft in der frühen Neuzeit

Achim Landwehr (2014) zeigt in seiner Monographie "Geburt der Gegenwart. Eine Geschichte der Zeit im 17. Jahrhundert", ausgehend von der Illustration, dass sich freie Plätze in Kalendern erst zwischen 1600 und 1700 in Europa etablieren konnten, wie im 17. Jahrhundert die Gegenwart und von da ausgehend die Zukunft erfunden wurde. Verständlich wird die damit verbundene Revolution vor der Folie eines von vielen Zeitgenoss_innen erwarteten Endes der Zeit in Europa: Das Wissen über Zeit wurde demnach lange Zeit dadurch geprägt, dass die Welt (bald) an ein absehbares Ende gelangen würde. "Wenn man im 17. oder 16. Jahrhundert oder in noch früheren Jahrhunderten über die Zeit und den Lauf der Geschichte nachdachte, dann war dieses Nachdenken fast notwendig final ausgerichtet. Die Zeit hatte ein Ende. Für einen ganz erheblichen Teil der europäischen Geschichte war das Ende aller Zeiten nicht nur ein fernes und ungefähres Abstraktum ... Es stellte vielmehr eine konkrete Gegenwart dar. Das Ende war gewiss und allseits präsent" (Landwehr, 2014, S. 45). Dieses Ende bezog sich auf das Individuum, was ja in dieser Zeit allen als plötzliches und von niemandem vorhersehbares Schicksal alltäglich vor Augen geführt wurde. Es bezog sich aber auch auf das Ende der Welt. Der gerade aufkommende Buchdruck und die enge Verbindung von Kirche und Staat führten zu einer historisch besonders einzigartigen Bedeutung von christlichen Inhalten für den Alltag. "Das galt nicht zuletzt auch für das Nachdenken über die Zeit, über Vergangenes und Zukünftiges, über Ursprünge und Vergänglichkeiten, über den Anfang und das Ende. Und das Ende war nah. Auch wenn es mit vielen Fragezeichen und Unsicherheiten ob seiner konkreten Ausgestaltung verbunden war, so war doch ein ganz erheblicher Teil der europäischen Bevölkerung der Überzeugung, dass dieses Ende kommen würde, dass es bald kommen würde - möglicherweise schon unmittelbar vor der Tür stand" (Landwehr, 2014, S. 46). Der Autor schildert anschaulich die Bemühungen, die unternommen wurden, um dieses Ereignis vorauszuberechnen (S. 47) und die komplexen Rechtfertigungsversuche, die unternommen wurden, wenn der vorausberechnete Weltuntergang ausblieb.

Zudem macht der Historiker eindrücklich klar, dass der Vergangenheit eine große Autorität zugeschrieben wurde. Sie galt als vorbildlicher Maßstab für jedweden Aspekt des Handelns. Eben diese starke Orientierung an der Vergangenheit verblasste im 17. Jahrhundert und die Gegenwart als Möglichkeitsraum gewann an Bedeutung. Damit kam es in einer ersten Phase zu einer Konkurrenz von Zeitmodellen. Sukzessive aber setzte sich dann eine neue Form der Vorstellung von Zeit durch: "Durch die gesteigerte Aufmerksamkeit für die Gegenwart als Differenzpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft, durch die Entdeckung dieser Gegenwart als Differenzpunkt zwischen Gegenwart als Dispositionszeitraum, in dem unterschiedliche Entscheidungen noch möglich sind, wandelt sich Zeit von einem gegebenen Sinnsystem zu einer verfügbaren Ressource" (ebd., S. 179). Die leeren Seiten im Kalender manifestierten dies markant: Ab jetzt setzt sich immer mehr die Forderung durch, den Sinn für diese kommenden alltäglichen Zeiten selbst zu bestimmen. Die weiteren Schritte sind oft erzählt worden: Durchsetzung zentraler Zeiten, Aufstellung von Uhren etc. und die Einführung von Versicherungen als Einrichtung zum Umgang mit der Zeit sowie eine sukzessive Beschleunigung aller Vorgänge (Borscheid, 2004; Horn, 1984).

Die Perfektionierung der Zeitbewirtschaftung durch das Bürgertum

Insbesondere das Bürgertum entwickelte in den folgenden Jahrhunderten diese beiden neu gewonnenen Zeitperspektiven weiter. Moretti (2014) profiliert wesentliche Linien und Dimensionen dessen anhand einer Analyse der formalen und inhaltlichen Charakteristika großer bürgerlichen Romane und Dramen heraus. So führt eine Lektüre des Robinson Crusoe anschaulich vor Augen, dass dieser als prototypischer Vertreter des bürgerlichen Abenteurers erstens alle Gegenstände im Hinblick auf ihre Nützlichkeit für zukünftige Verwendungsweisen taxiert, also einen stark instrumentellen Zukunftsbezug aufweist. Zweitens handelt er auf der Basis eines Kalküls, dass ständiges Tätigsein als normalen Handlungsmodus ansieht. Bis heute gilt es als wertvoll und wichtig, möglichst "busy" zu sein - in Arbeit wie Freizeit gleichermaßen (Jäckel, 2012, S. 82ff). Drittens plausibilisiert Moretti (2014) anhand der Untersuchung der zeitlichen grammatischen Strukturen, dass die Vergangenheit als vollständig abgeschlossen markiert wird; die Zeit ist damit kein endloser Fluss mehr. Sie ist vielmehr eingeteilt und damit auch strukturiert. Es ist insgesamt die Rede von einem voranschreitenden Rhythmus der Kontinuität. Diese Regelmäßigkeit wiederum bildet den Hintergrund für die zunehmende Darstellung des Alltäglichen im bürgerlichen Roman in Form von Einschüben. Moretti (2014, S. 123, Hervorhebung dort) fasst diese Funktion der Einschübe im Roman wie folgt zusammen: "Sie sind nicht deshalb eine große bourgeoise Erfindung, weil sie dem Handel, der Industrie oder anderen bürgerlichen ‚Realitäten‘ Eingang in den Roman verschaffen (das tun sie nicht), sondern weil mit ihnen die Logik der Rationalisierung bis in den Erzählrhythmus des Romans vordringt." Insgesamt gesehen bereitet das Bürgertum so die Idee eines permanenten Fortschritts der Gesellschaft, der der Maxime der Zweckrationalität folgt (Hradil, 2015, S. 104), in allen Bereichen vor. Das sollte zum zentralen Kennzeichen der Moderne werden (Schimank, 2013, S. 122). Unterstützt wird diese Form der Zeitauffassung durch die aufstrebenden Naturwissenschaften des 18. und 19. Jahrhunderts, welche die homogen ablaufende Zeit in den unterschiedlichsten Systemen, von der Biologie bis zur Physik, entdeckt (Erdle, 2015, S. 15).

Vorstellungen einer möglichst intensiv zu bearbeitenden Gegenwart und einer bewirtschaftbaren Zukunft sowie das Streben nach unspektakulärer Kontinuität regierten gewissermaßen bis in die Hochzeit der Moderne und waren auch wesentliche Grundlage einer regelrechten sozialtechnologischen Planungseuphorie. Angesichts der weiteren funktionalen Differenzierung in komplexe Teilsysteme und des daraus resultierenden Zuwachses an Kontingenz verlor man ziemlich bald das Vertrauen in eine systematische Steuerung zukünftiger Vorgänge (Koch, Köhler, Othmer & Weich, 2014) und es kam insgesamt zu einem Umbruch in der gesellschaftlichen Deutung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Es war die Rede von der Postmoderne, vom Ende der Geschichte und vom Ende der großen Erzählungen (Welsch, 1988) mit den entsprechenden Konsequenzen für Raum und Zeit (Harvey, 1994) sowie für die Form der gewünschten Lebensführung und der Bewertung unterschiedlicher Gesellschaftsentwürfe (Fend, 1988, S. 60ff). Ganz konkret kam es zu einer Auflösung starrer zeitlicher Ordnungen und zu Brüchen und Unregelmäßigkeiten von Zeiten - ablesbar an den unregelmäßiger werdenden Rhythmen der postindustriellen gegenüber der fordistischen Stadt (Klein, 2005).

Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war - Die aus den Fugen geratenen Zeiten der späten Moderne

Eine beeindruckende Analyse der temporalen Irritationen der späten Moderne hat Assmann (2013) vorgelegt. Der Klappentext fasst knapp zusammen, um was es der Konstanzer Kulturwissenschaftlerin geht: "Unsicherheit und Ratlosigkeit im Umgang mit der Zeit machen sich breit. Wie einst für Shakespeares Hamlet ist heute für viele die Ordnung der Zeit aus den Fugen geraten. Die Zukunft hält nicht mehr, was sie einmal versprochen hatte, die Gegenwart ist diffus und unübersichtlich geworden, und die Vergangenheit, anstatt zu vergehen, gibt keine Ruhe und kehrt in vielfältigen Gestalten zurück. Der Grund für dieses Chaos ist der Niedergang des modernen Zeitregimes, das uns bis vor kurzem erwartungsvoll auf die Zukunft ausgerichtet hatte und die Vergangenheit im Rücken vergessen ließ."

Dieses moderne Zeitregime, beginnend in der frühen Neuzeit, war gültig bis in die frühen sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Es wertete gegenüber dem klassischen Zeitregime die Vergangenheit ab, die Gegenwart und die Zukunft auf. Es setzte auf die Segnungen ständiger Innovation und kreativer Zerstörung; feierte die Geschwindigkeit und das Neue. Das schlug sich beispielsweise in einem neuen Generationsverhältnis nieder. In der klassischen Zeitordnung wurde so das Verhältnis zwischen Sohn und Vater als konsekutiv und kontinuierlich verstanden. Erwartet wurde also, dass die Söhne von ihren Vätern lernen und sie diese beerben sollten. Die moderne Version hingegen lautet, dass Söhne sich von ihren Vätern lösen und ihren eigenen Weg gehen müssen.

Dieses moderne Zeitregime hat wiederum selbst an Attraktivität eingebüßt. So wissen wir heute um die negativen Folgeeffekte der Beschleunigung und der überzogenen Feier der Innovation. Diese hat vor allem der Jenenser Soziologe Rosa (2013) meisterlich herausgearbeitet und sein Bonmot der "temporalen Insolvenz" kennzeichnet sicherlich die Lage vieler Menschen heute: Zu viele Optionen, zu schnell veraltende Computersysteme, zu viel Multitasking führen dazu, dass man für nichts mehr Zeit hat und einen Treuhänder benötigt, der den eigenen Zeiteinsatz von außen reguliert.

Temporale Nöte dieses Zuschnitts prägen die Arbeitswelt nicht nur in den produzierenden Sparten. In einer aktuellen Untersuchung zeigen Hielscher (2013) und Kollegen für die Handlungsfelder Altenpflege, Jugendhilfe/ASD und Kindertageseinrichtungen, dass hohen Erwartungen und Anforderungen einerseits und der durch Finanzierungsfragen dominierte sozialpolitische Diskurs andererseits einen hohen zeitlichen Druck auf die dort Tätigen erzeugen. Dieser Druck nimmt unterschiedliche Formen und Ausprägungen an: Er schlägt sich beispielsweise in der Pflege als permanentes Jonglieren mit Zeitvorgaben auf der einen Seite und dem Bemühen einer aktivierenden Pflege auf der anderen Seite nieder. Die Arbeit in der Jugendhilfe wiederum wird durch zunehmende Fallzahlen bestimmt und die Kindertagespflege durch eine Fülle neuer Dokumentations- und Bildungsaufgaben -
Verdichtung und Fragmentierung von Arbeitstätigkeiten sind damit ein wesentliches Kennzeichen heutiger Arbeitsbedingungen in zeitlicher Hinsicht. Analoges gilt für die Jugendarbeit und die damit einhergehende Schwierigkeit, regelmäßige Angebote unter der Woche vorhalten zu können, was Lange & Wehmeyer (2014) feststellen konnten. Nicht nur die Gegenwart und ihre Bewältigung sind mühsam geworden - auch die lustvolle Beschäftigung mit der durch kreative Zerstörung gekennzeichneten Zukunft ist uns in der späten Moderne vergällt worden und das Fortschrittspathos hat große Kratzer abbekommen. "Die Zukunft, so dürfen wir vielleicht zusammenfassen, ist von einem Gegenstand der Erwartung und Hoffnung zu einem Gegenstand der Sorge und damit zugleich auch der Vorsorge geworden: Man kann sich auf die Zukunft nicht mehr so einfach verlassen, sondern muss etwas für sie tun im Sinne eines verantwortlichen, nachhaltigen Haushaltens: Sonst kann man nicht mehr sicher sein, dass es sie für nachwachsende Generationen auch weiterhin gibt" (Assmann, 2013, S. 13).

Dieser Bruch des Zeitregimes muss aber nicht zwangsläufig zu einer Handlungslähmung führen. Vielmehr verbindet die Autorin damit einen deutlichen Auftrag an die jungen Menschen: "Jede neue Generation, jede Jugend hat einen Anspruch auf ein eigenes, selbstbestimmtes Leben, auf die Möglichkeit, die Welt nach ihren Idealen mit- und umzugestalten" (ebd. S. 321).. Auch wenn das Bild der Zukunft heute stark eingetrübt ist, so Assmann, bedeutet dies nicht, dass sie nicht doch noch als Quelle von Phantasie und Hoffnung auf ein gutes Leben dienen könnte.

Die temporalen Perspektiven und Handlungsweisen von Individuen, Gruppen und Kollektiven: Eine Spurensuche

Das Verblassen der Zukunft und die Wahrnehmung eines unverbundenen Nebeneinanderstehens von vielen bedeutungslosen Episoden des Alltags summieren sich in der aktuellen Gegenwart in einer "Gesellschaft der Angst" (Bude, 2014). Diese nimmt in den Mittelschichten und Unterschichten je differente Formen an; als geteilte Erfahrung aber, dass trotz intensiver eigener Anstrengungen immer mit einem sozialen Abstieg zu rechnen ist, bestimmt sie das sozial-mentale Klima der Gesellschaft wesentlich mit. Zeittheoretisch gewendet generiert diese gesellschaftliche Situation einen Druck, der Muße und Stillstand als hoch wahrscheinlichen Beginn von Episoden des Abstiegs erscheinen lässt.

Bis zu diesem Punkt sind eine Menge von Indizien für ein neues verändertes Zeitregime auf der Ebene der gesamten Gesellschaft gesammelt worden. Allerdings ist eine Grundeinsicht der Sozialwissenschaften, dass gesellschaftliche Rahmenbedingungen individuelles Meinen, Denken und Handeln nicht determinieren, sondern eher einen Rahmen abstecken, innerhalb dessen mannigfache Variationen zu erwarten sind. Ist es so, dass alle Menschen in der gegenwärtigen Gesellschaftskonfiguration sich beschleunigt fühlen, Zeiterfahrungen der Fragmentarisierung aufweisen und darunter leiden, keine Sicherheit mehr für ihre persönliche Zukunft sehen?

Ein panoramaartiger Überblick zu einschlägigen Untersuchungen kann Antworten liefern. Ein Kristallisationspunkt der Reflexionen über düstere Zukunftsperspektiven betrifft interessanterweise die Mittelschichten, denen in den letzten Jahren vermehrte Aufmerksamkeit entgegengebracht wird (Burzan, Kohrs & Küster, 2014; Koppetsch, 2013; Mau, 2013; Schimank, Mau & Groh-Samberg, 2013): Die Stichworte lauten hier Entwertung auch qualifizierter Arbeit, Rückzug des Wohlfahrtsstaates, Schrumpfen der Einkommen und Vermögen, Angst um die Chancen des Nachwuchses im Bildungssystem. Daraus müsste eigentlich im Verbund mit den oben angesprochenen temporalen Verwerfungen und Neubewertungen, eine tiefe Verunsicherung dieser Bevölkerungsgruppe als Variante der Zukunftssorge resultieren.

Burzan, Kohrs & Küster (2014) haben genau diese Zusammenhangsvermutungen untersucht. Ihre Studie prüft durch zwei methodische Zugänge - eine Sekundäranalyse mit Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) und offene Interviews mit zwei Berufsgruppen - wie unsicher sich qualifizierte Erwerbstätige in der Mittelschicht fühlen, wie sich diese Unsicherheit seit 2000 entwickelt hat und was die Menschen konkret tun, um Unsicherheiten zu begegnen. Bekämpfen sie diese mit allen Mitteln, oder gewinnen Bastelbiografien an Normalität? Die Datenanalyse legt nahe dass die Krisendiagnose in differenzierter Form zu stellen ist. Denn: "Fasst man die Mitte recht eng als qualifizierte Erwerbstätige, weil am ehesten für diese Gruppe eine ‚neue‘ Verunsicherung proklamiert wird, so stellt sich heraus, dass große Sorgen um die wirtschaftliche Situation im ersten Jahrzehnt des Jahrtausends zwar zugenommen haben, jedoch weniger linear oder in einem enormen Ausmaß, noch im Vergleich zu anderen Schichten in überproportional starker Weise" (Burzan, Kohrs & Küster, 2014, S. 179). Allerdings gibt es innerhalb der Teilgruppe der Mittelschicht Unterschiede: Mehr Zukunftssorgen gibt es in Ost- als in Westdeutschland, wenn man keinen Partner hat, wenn man arbeitslos war oder einen befristeten Arbeitsvertrag hat. Zur Kenntnis zu nehmen sind also sehr differenzielle Profile der Betroffenheit von Zukunftsängsten.

Analoges gilt, wie in den Familienwissenschaften intensiv erforscht wird, für die Erfahrungen alltäglicher Zeitnot (Jurczyk, 2009); ausgelöst vor allem durch Entgrenzungen des Erwerbssystems (Lange, 2014). In diesem Feld greifen ebenfalls unterschiedliche Entwicklungen in Form gegenseitiger Steigerungen und dadurch generierter Ambivalenzen ineinander. Die zentrifugalen Tendenzen aktuellen Familienlebens, die eben auch Kinder und Jugendliche betreffen (Zeiher, 2001), führen im Prinzip zu mehr Abstimmungs- und Synchronisationsaufwand. Gemeinsame Mahlzeiten sind in diesem Zusammenhang eine fragile und störungsanfällige Unternehmung (Brannen, O'Connell & Mooney, 2013), deren Zustandekommen von einer Reihe miteinander verschränkter Parameter, wie Arbeitszeitpläne der Eltern und Schulzeiten der Kinder, abhängt. Die modernen Kommunikationstechnologien, insbesondere das Smartphone und die sozialen Medien, gestalten das Leben der Heranwachsenden als komplizierte Unternehmung (boyd, 2014), können aber auf der einen Seite die Koordination des Familienlebens unterstützen. Auf der anderen Seite, wie King (2014) auf der Basis eines Projektes zeigt, ist eine Labilisierung der Kommunikation und Beziehungen und damit einhergehend eine weitere Fragmentarisierung familialer Eigenzeiten durch das Potenzial der neuen Medien zur blitzschnellen Aufnahme von Kontakten festzuhalten. Es wirft sich das Problem der emotionalen Priorisierung auf: Welche Themen sind wichtig? Welchem Signal soll ich mich jetzt zuwenden? Welche Bedürfnisse können jetzt befriedigt werden? Die ständige Unterhaltungsbereitschaft sabotiert gewissermaßen das Gespräch, das Beisammensein mit anderen. "Die geschützten Räume des Beisammenseins und der Kommunikation werden rarer" (S. 35). Diese müssen dann also ausdrücklicher hergestellt werden, wozu neue Regeln erfunden und erprobt werden müssen (keine SMS während der Unterhaltung).

Von dem so angedeuteten Gefühl, immer zu wenig Zeit zu haben, sind eher Mütter als Väter betroffen; eher Alleinerziehende als vollständige Familien (Jurczyk, 2009), Kinder wiederum wünschen sich mehr Zeit mit ihren Vätern und empfinden selbst nicht in dem Umfang Zeitstress, wie das manche bewahrpädagogische Kulturkritik suggeriert - vielmehr können sie, wie Wehr (2009) in ihrer ethnographischen Studie gezeigt hat, durchaus Beschleunigung und Hektik genießen. Allerdings machen sich laut World Vision Kinderstudie (Andresen, Fegter & Hurrelmann, 2013) Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten mehr Sorgen um die Zukunft als Kinder höherer Schichten.

Jugendliche wiederum zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine negative Zukunftsperspektive auf die Gesellschaft vertreten können, gleichzeitig aber ihre eigene Zukunft durchaus als positiv bestimmbar auffassen -wobei auch hier eine große Varianz der konkreten Ausprägungen festzustellen ist (Buhl, 2014). Und auch hier gilt, wie Füchsle & Trommsdorf (1980) schon in den achtziger Jahren festgestellt hatten, dass Jugendliche aus höheren sozialen Schichten eine ausgedehntere Zukunftsperspektive aufweisen als solche aus niedrigeren Schichten. Ferner gehen für Jugendliche wie Erwachsene prekäre ökonomische Verhältnisse und Formen der permanenten Überlastung im Alltag ebenfalls einher mit einer nicht als planbar angesehenen Zukunft (Brannen, 2005; Mullainathan & Shafir, 2013).

Abrundend kann die hier vertretene These der differentiellen Auseinandersetzung mit den übergreifenden Trends der temporalen Verwerfungen durch die Biographieforschung erhärtet werden. Denn diese weist auf, dass der Verlust einer klaren Zukunftsperspektive unterschiedlich in Form von Lebenskonstruktionen beantwortet wird - " ...kann die Zukunft entweder mithilfe zyklischer Biographisierung zerstört oder durch episodische Biographisierung verdrängt werden" (Weidenhaus, 2015, S. 115).

Politik und Praxis in einer Gesellschaft, die ein irritiertes Verhältnis zu ihrer Zeit und insbesondere zu ihrer Zukunft entwickelt hat

Was folgt nun aus dieser Argumentation und der Befundlage? Erstens sollte deutlich geworden sein, dass eine ausschließlich auf Dämonisierung der Beschleunigung fußende Strategie der Entschleunigung nicht von Erfolg gekrönt sein wird, da andere Dimensionen der Temporalität damit nicht angegangen werden können. Darauf hat u.a. auch ein der Kapitalismusverherrlichung unverdächtiger Theoretiker wie Hengsbach (2012) hingewiesen. Es existieren aber auch gute theoretische und empirische Gründe dafür, Dimensionen der Zeit jenseits der Beschleunigung für ein Lagebild der Temporalität in der späten Moderne heranzuziehen (Brose & Kirschsieper, 2014). Hingewiesen sei auf die jeweiligen systemischen Eigenzeiten und die Bedeutung der Synchronisation sowie die mannigfachen Erfahrungen von Zeitdehnungen und regelrechten Zeitstillständen im Rahmen von alltäglichen und außeralltäglichen Erfahrungen (Wittmann, 2012). Ein Spiegel dieser Erfahrungen sind die ästhetischen Darstellungen temporaler Figuren, insbesondere in der Literatur (Öhlschläger, 2013) sowie in den Medien, die dann wiederum über die Rezeptionsakte der Menschen deren Zeitdenken und Zeitverständnis beeinflussen können.

Zweitens verweist die anthropologische These von der Eigenwertigkeit der mentalen Zeitreisen als genuin menschlicher Fähigkeit darauf, diese ernst zu nehmen und für alle Menschen, unabhängig von Klasse, Geschlecht etc. zu ermöglichen und wenn nötig, institutionell zu unterstützen und vor allem Wege aufzuzeigen, wie die persönlichen mentalen Zeitreisen erfolgreich zu ihren jeweiligen Teiletappen und Teilzielen geführt werden können. Die Konstruktion einer Biographie und der Versuch, die zeitliche Erfahrung an Übergängen zu steuern, erweist sich so gesehen als komplexe Arbeit an der Eigenzeit (Flaherty, 2013).

Drittens erzwingt die nicht mehr zurück zu drehende Pluralität komplexer zeitlicher Strukturen und Handlungsnotwendigkeiten sowie die damit einhergehenden dilemmatischen und ambivalenten Konstellationen eine ausdrückliche pädagogische Vorbereitung auf diese Aufgaben - nicht im Sinne einer "Kompetenz", sondern im Sinne von Bildung. Auf dieser Linie argumentiert Dornbach (2014): Ausbildungs- und Arbeitsfähigkeit im modernen Berufsleben beinhalten demzufolge eben auch elaborierte Fähigkeiten des Zeitmanagements. Für das berufliche Bestehen in der Dienstleistungsgesellschaft sind die traditionellen zeitlichen Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit, welche die tayloristische Fabrikarbeit bestimmten, nicht mehr ausreichend. Auch Tätigkeiten mit geringen fachlichen Anforderungen verlangen oft eine vielschichtige zeitliche Selbstorganisation. Noch ist unser Bildungssystem aber weitgehend an starren zeitlichen Strukturen ähnlich der Organisation der Fabrikarbeit orientiert. Dornbach (2014) entwickelt einen den Erfordernissen selbstregulierten beruflichen Lernens angepassten Begriff von Zeitmanagement. Er untersucht, wie Teilnehmer an Maßnahmen zur Berufsvorbereitung dieses Zeitmanagement anwenden und schafft damit Grundlagen für Überlegungen, wie es entsteht und gefördert werden kann.

Viertens bietet gerade die kommunale, die Gemeindeebene, einen geeigneten Ort, um das Bewusstsein für die Relevanz temporaler Bedingungen der Lebensführung und des Wohlbefindens zu wecken und sie in andere Maßnahmenbündel einzubetten .Hier ist anzustreben, dass die zeitpolitischen Konzepte, die vor allem im konzeptionellen Umfeld der beiden letzten Familienberichte erstellt worden sind, endlich ernst genommen werden (Heitkötter, 2009). Die prinzipielle Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Formen der Gestaltung der zeitlichen Rahmenbedingungen in Kommunen zu fördern, dies dürfte auch ein lohnendes Feld für die Gemeindepsychologie darstellen. Als Zielperspektive sollte es um die Mehrung des Zeitwohlstandes im Sinne autonom verfügbarer Zeiten gehen, die sich nicht zuletzt für gemeinsame Aktivitäten mit anderen Individuen in der Familie, in Vereinen und anderen Vergemeinschaftungsformen nutzen lassen (Mau & Verwiebe, 2009). Eine inhaltliche Füllung dieses Zeitwohlstandskonzepts besteht fünftens schließlich in einer Balance zwischen der Fähigkeit des Aufschubs und Verzichts im Dienste zukünftiger Projekte gleichermaßen, wie ein regelmäßiges Innehalten in der Gegenwart, um positive Emotionen erleben zu können (Wittmann, 2012, S. 26).

Endnote

  1. Erweiterte und überarbeitete Fassung eines Vortrags, der im Rahmen der Jahrestagung 2014 der GGFP in Kooperation mit der Katholischen Stiftungsfachhochschule München (KSFH) "Immer schneller! Immer weiter! Immer besser" gehalten wurde. Dank gilt dem/der anonymen Gutachter/in für wertvolle Präzisierungshinweise und Irmgard Teske (Hochschule Ravensburg-Weingarten) für wohlwollende Rückmeldungen zum ersten Vortragsentwurf.

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Autor

Prof. Dr. Andreas Lange
langea@bitte-keinen-spam-hs-weingarten.de

Professur für Soziologie an der Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege, Hochschule Ravensburg-Weingarten.



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